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Frau Bauer sucht den Tag
Erzählung

„Hallo, Tag! Wo bist du?“
Langsam trottete Oma Bauer durch die Straße, die zum Friedhof führte. Sie hielt den Blick zum Himmel gerichtet, als suche sie etwas in den Hochnebelwolken, die seit Tagen über dem Städtchen hingen.
„Was bist du doch für ein grauer Kerl! Gar nicht nett behandelst du zu uns! Umnebelst einem so richtig tüchtig das Hirn, auf dass es grässlich vergesslich wird. Aber nicht mit mir! Hörst du? Nicht mit mir!“
Sie streckte den Zeigefinger nach oben. Es sah aus, als drohte sie dem Tag, der sich heute nicht finden lassen wollte.
„Mit wem schimpfst du, Lina?“, fragte der alte Heinz. Er stand an das Holztürchen, das in seinen Garten führte, gelehnt und sah Oma Bauer beim Schimpfen zu.
„Mit dem Tag, was sonst?“, entgegnete Oma Bauer. „Und du? Was treibt dich bei diesem grauen Grau in den Garten?“
„Ich helfe dem Frühling“, antwortete der alte Heinz. Er deutete auf einen Korb voller Blumenzwiebeln. „Die müssen heute noch in die Erde.“
„So wird dein Tag ein Pflanztag für den Frühling sein“, sagte Oma Bauer. „Ein guter Tag. Den meinen muss ich noch finden.“
„Wo? Auf dem Kirchhof?“
„Ich glaube, ja. Gerade fällt es mir wieder ein. Beim Grab meines Mannes könnte er liegen.“
„Wer?“
„Mein Tag. Wer sonst?“
„Dein Tag liegt auf einer Friedhofsbank?“ Heinz starrte Oma Bauer mit offenem Mund an. Hatte der Nebel ihr das Hirn umnebelt?
„Ähh! Der Tag? Ach nein!“ Oma Bauer schlug sich mit der Faust an die Stirn. „Ganz wirr macht einen der Nebel. Ich meine natürlich mein Buch, das ich vorhin auf der Bank liegen gelassen hatte. Mein Tagebuch. Ich habe ein wenig darin gelesen, als Witwe Herrmann mich bat, ihr bei einem störrischen Pflanzentopf zu helfen. Darüber habe ich das Tagebuch vergessen.
„Oh, hoffentlich kannst du es noch finden.“ Der alte Heinz wiegte bedenklich den Kopf. „Vergesslichkeit ist kein gutes Ding. Sie macht so manchen Tag zu einem grauen. So grau, wie es der Himmel und das Wetter ist.“
Oma Bauer nickte. „Was will man vom späten Herbst auch anderes erwarten? Aber dies verzeiht kleine Vergesslichkeiten nicht. Im Gegenteil. Wachsam muss man sein in dieser Jahreszeit, die für den Abschied steht. Wachsamer als sonst, damit sich in diesen grauen Zeiten nicht gleich auch noch der Verstand verabschiedet.“
„Da mache ich mir bei dir keine Sorgen.“ Der alte Heinz griff in den Korb, nahm eine Handvoll Blumenzwiebeln und drückte sie in Oma Bauers Hände. „Da! Für das Grab deines Mannes.“
Oma Bauer lächelte. „Ich danke dir. So hat mein Tag nun auch ein bisschen den Frühling getroffen.“

© Elke Bräunling

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Herbststimmung