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Sie freuen sich, die Blätter
Herbsterzählung

„Was machst du am Fenster, Kind?“, fragte Oma Linchen. „Pass auf, dass du dich nicht erkältest!“
„Es ist nicht kalt, Oma Linchen“, antwortete Jule. „Nur ein bisschen vielleicht. Aber es macht Spaß, bei dir aus dem Fenster zu gucken. So viel gibt es zu sehen.“
„So viel?“ Oma Linchen wohnte schon so lange in dem Haus am Park in ihrer Dachgeschosswohnung, dass sie all das Aufregende und Schöne, das man hier täglich sehen konnte, nicht mehr wahrnahm. Es war für sie normal geworden.
„Was ist es denn, das dich so sehr fesselt?“
„Die Blätter!“ Jule deutete zu den Parkbäumen hinüber. „Sie sind schön bunt. Und jedes Mal, wenn ich gucke, sind sie ein bisschen bunter. Das ist toll.“
Das stimmte. Jeden Tag färbte sich das Laub in diesen Tagen in den Kronen der Bäume am Rande des Parks ein bisschen mehr.  Man konnte fast dabei zusehen.
„Man kann fast dabei zusehen“, sagte Jule da auch schon und Oma Linchen beschloss, das Bild, das sich ihr von ihrer Wohnung aus bot, mit Jules Augen zu betrachten. Kinderaugen sahen bekanntlich mehr. Sie trat ans Fenster.
„Schön!“, sagte sie und meinte es auch so. „Zauberhaft schön. Wie konnte ich das nur all die Jahre vergessen?“
„Du hast die bunten Bäume nicht gesehen?“, fragte Jule.
Oma Linchen nickte. „Ja, das habe ich.“
„Aber wie kann man Bäume und bunte Farben auch übersehen?“ Das Kind starrte die Großmutter mit großen Augen an.
„Vielleicht, weil so viele andere Dinge in meinem Kopf waren?“, überlegte die laut. „Dinge, die ich für wichtiger hielt und die es dann doch nicht waren.“
„Was waren sie nicht?“
„Nicht wichtig.“
„Bunte Blätter sind wichtig“, erklärte Jule. „Schau! Sie fallen zu Boden und machen den Boden bunt. Darüber freuen sich die Tiere. Sie können Verstecken unter all den Blättern spielen. Später sind die für sie eine warme Decke und sie müssen nicht frieren. Das freut dann den Boden, und ich freue mich auch. Es macht Spaß, durch Blätterberge zu laufen. Es knistert und raschelt so fein.“
„Und ich freue mich jetzt auch“ staunte Oma Linchen. „Wie klug du bist!“
Sie machte eine kleine Pause, dann fuhr sie fort, mehr für sich selbst:
„Und ich habe immer gemeint, traurig sein zu müssen, wenn ich welke Blätter sah.“
„Aber jetzt weißt du, dass es richtig ist mit den Blättern. Nicht wahr?“
Oma Linchen nickte. Sie war sehr stolz auf ihre kleine Enkelin.
Jule blickte bereits wieder zu den Bäumen hinüber.
„Und jetzt!“, rief sie aufgeregt, „jetzt kommen die  weißen Raben. Sie singen den Blättern ein Lied, damit die sich nicht ängstigen müssen.“
„Wovor ängstigen sich?“, wollte Oma Linchen fragen. Und „Es gibt keine weißen Raben“ wollte sie sagen, doch sie schwieg und blickte auch zu den Bäumen hinüber, in deren Kronen eine Taubenschar eingekehrt war. Oder waren es nicht doch weiße Raben? Und die Wolke, die nach Regen aussah und sich über den Park legte, war sie wirklich eine Wolke oder nicht doch eher ein Einhorn?

© Elke Bräunling