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„Ich muss hier mal raus“, dachte Julia, nahm ihre Jacke vom Haken und rief: „Ich bin mal eine halbe Stunde weg!“

Bevor jemand eine Frage nach dem Wohin stellen konnte, schlug sie die Haustür hinter sich zu. Mit schnellen Schritten ging sie durch den Vorgarten, öffnete die Pforte und überquerte die Straße.

Sie atmete tief durch. Kalter Wind wehte ihr ins Gesicht und kühlte die Wangen, die zuvor tränennass und heiß waren. Augenblicklich begann sie zu frieren und bedauerte, dass sie weder Mütze noch Schal mitgenommen hatte. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie umkehren sollte, entschied sich aber dann dagegen.

Sie begegnete niemandem und war darüber sehr froh, denn in der kleinen Stadt kannte jeder jeden und es hätte wieder nur blöde Fragen gegeben. Julia kannte das zu genüge.

„Na, Julia, hast du etwa geweint? Geht es deiner Mutter wieder schlecht? Hast du etwas ausgefressen? Ist dein Vater wieder mal betrunken?“, würden sie fragen. Julia hasste diese Fragen. Sie wusste auch keine Antwort darauf, denn sie hatten ja Recht, aber sollte sie zugeben, dass die Mutter sich schon wieder seit Stunden in ihrem Schlafzimmer zurückgezogen hatte und Papa im Wohnzimmer eine Flasche Bier nach der anderen leerte?

Ausgefressen hatte sie nichts, außer vielleicht, dass ihr beim Spülen eine Tasse aus der Hand gerutscht war und der Henkel nun abgebrochen war. Sie hatte die Tasse ganz hinten im Schrank versteckt, weil sie sich schämte. Sie war ihrer Mutter keine große Hilfe, immer wieder machte sie etwas falsch. Ob Mama deshalb so oft weinte?

Als Oma noch da war, da hatte sie wenigstens jemanden gehabt, bei dem sie sich ausweinen konnte. Doch Oma war im Himmel, schon lange. Julia vermisste sie so sehr. Sie hatte auch geweint, immer und immer wieder, wenn sie an Oma gedacht hatte. Doch irgendwann hatte sie verstanden, dass es Oma nun viel besser ging. Sie war so lange krank gewesen und hatte gelitten und Schmerzen gehabt.

Ob Mama auch Schmerzen hatte? Auf Julias Fragen gab Mama keine Antwort, sie sah sie immer nur mit traurigen Augen an und schüttelte den Kopf.

Julia war am Fluss angekommen, sie stand auf der Brücke und schaute ins Wasser, das leise plätscherte. An den Rändern des Flüsschens hatte sie Eis gebildet, da es seit einigen Tagen sehr kalt war. Doch das Wasser blieb in Bewegung, es konnte nicht einfrieren.

„Lieber Gott, meine Mama ist so still und so traurig. Manchmal rührt sie sich stundenlang nicht. Was soll ich nur tun?“, flüsterte Julia. Wieder liefen ihr die Tränen über die Wangen. „Und Papa, der rührt sich auch nicht, außer wenn er sich eine neue Flasche Bier aus dem Kühlschrank holt.“

Julia wischte ihre Tränen ab und drehte sich entschlossen um. Ihr war ein Gedanke gekommen, den sie sofort umsetzen wollte. Der Fluss hatte ihr dabei geholfen. Sie ging nach Hause.

„Mama, Papa, ich bin wieder da!“, rief sie. Dann lief sie in die Küche, holte ihre Stift aus dem Tornister und einen Zeichenblock. Sie malte den Fluss, dessen Wasser lustig über die Steine hüpfte, dazu die Bäume an seinem Ufer. Auf den Ästen der Bäume saßen bunte Vögel und durch das Geäst schauten die Sonnenstrahlen. Auf der Brücke standen drei Menschen, zwei große und ein kleiner. Sie hielten sich an den Händen und  ihre Gesichter lachten fröhlich.

Julia betrachtete ihr Bild und lächelte. Dann schrieb sie:

GUTSCHEIN für einen Spaziergang mit Julia!

„Wenn sie sich nicht bewegen, dann werden sie einfrieren, wie das Wasser und dann ist alles zu spät. Ich werde ihnen helfen!“, flüsterte sie und dann ging sie zu ihrem Vater ins Wohnzimmer.

„Ich habe ein Geschenk für euch, kommst du mit zu Mama?“, bat sie ihn.

„Klar!“, sagte Papa und gemeinsam betraten sie das Schlafzimmer. Die Mutter saß auf dem Bett und schaute aus dem Fenster.

Julia überreichte ihr das Bild und setzte sich neben sie. Auch der Vater setzte sich auf das Bett, die Eltern betrachteten die Zeichnung und lasen die Worte. In Papas Augen schimmerten Tränen, Mama lächelte – endlich lächelte sie mal wieder.

„Wann?“, fragte sie. „Jetzt!“ antwortete Papa und dann zogen sie alle ihre Winterjacken an und die warmen Stiefel, sie setzten Mützen auf und verließen das Haus. Julia führte sie zu der Brücke und dann hielten sie sich an den Händen und alle drei lächelten.

„Das sollten wir nun jeden Tag machen!“, schlug Papa vor. „Ja, das sollten wir“, sagte Mama und dann küssten sie Julia, der eine links, der andere rechts und Julia war glücklich.

„Jetzt wird alles wieder gut werden!“, dachte sie und in Gedanken schickte sie ein Dankeschön in den Himmel, an Gott und an die Oma, die sicher ihre Finger im Spiel gehabt hatte.

© Regina Meier zu Verl