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Er ist wieder da
Erzählung zum Herbstbeginn

Mit gespielt ernster Miene saß Onkel Hannes heute am Abendbrottisch. Es war Dienstag und Dienstage waren die ‚Onkel-Hannes-Tage‘ bei Oma Lisa. Das bedeutete, dass Onkel Hannes zum Abendessen zu Besuch kam und den restlichen Abend mit Oma Lisa verplauderte. Onkel Hannes war Opas bester Freund gewesen und er war es auch nach dessen Tod geblieben. Das war gut so. Alle in der Familie mochten ihn über alles gut leiden. Er war ein lustiger Mann, genau wie Opa es gewesen ist, und wenn er mit uns am Tisch saß und erzählte, konnte man fast meinen, Opa wäre auch wieder bei uns und würde seine witzigen Geschichten erzählen. Dabei war Opa schon sieben Jahre tot und meine kleine Schwester Mila konnte sich an ihn fast nicht mehr erinnern.
„Der Hannes“, sagte Oma Lisa oft, „ist Opas Geschenk für uns. Durch ihn wird Opa für ein paar Stunden wieder lebendig. Kann man sich etwas Schöneres wünschen?“
Nein, das konnte man nicht. Warum auch? Es war gut so, wie es war, und wir alle in der Familie liebten es, Oma Lisa auch dienstags zum Abendessen zu besuchen und sich dabei mit Onkel Hannes zu fühlen, als sei Opa noch da.
Auch heute waren wir wieder sehr glücklich, an Oma Lisas Tisch zu sitzen. Selbst Papa, der in letzter Zeit immer spät von der Arbeit nach Hause kam, war pünktlich eingetrudelt und wir schlangen hungrig Omas leckeren Gemüsekuchen mit Bauernsalat in uns hinein.
„Und?“, fragte Papa. „Was gibt es Neues?“
„Och, da wäre eine Sache“, sagte Onkel Hannes und seine Miene war auf einmal ernst. Todernst. „Aber ihr müsst jetzt sehr stark sein.“
Er griff in die Tasche seines Jackets und legte drei Kastanien neben seinen Teller auf den Tisch. „Die habe ich auf dem Weg hierher gefunden. Fast wäre ich darüber gestolpert, und die große, die ist mir sogar auf den Kopf gefallen.“ Er machte eine Pause. „Mit Stachelhülle, versteht sich.“
„Und?“, fragte Papa, der manche Dinge, die nichts mit Computer und Technikkram zu tun hatten, oft erst als Letzter kapierte. „Es ist dir ja nichts passiert, oder?“
Oma hauchte ein „Oh, wie schrecklich!“ und strich Onkel Hannes mit besorgter Miene über die Stirn. Wir anderen aber schwiegen. Der Schreck war zu groß. Und da war ja auch kein Zweifel. Es war passiert.
„Es ist also passiert“, sagte Mama da auch schon und alle nickten.
„Nein“, antwortete Onkel Hannes. „Es gibt keinen Grund zum Zweifeln. Es ist leider wieder soweit. Er ist wieder da.“
„Was denn um alles in der Welt?“, nuschelte Papa, der es immer noch nicht begriffen hatte, mit vollem Mund. „Und wer ist da? Ich kann niemanden entdecken. Und was hat das alles mit diesen Kastanien zu tun? Ich verste …“
In dem Augenblick hatte er es dann doch begriffen. Es war wie in jedem Jahr, wenn der Herbst mit seinen ersten Boten ankam. Und es war auch wie in jedem Jahr, dass wir ihn mit einem lauten Gelächter begrüßten. Den Herbst.

© Elke Bräunling

Hier erzählt Onkel Hannes die Geschichte von der Kastanienfrau, die im Herbst die Bäume besucht, sie umarmt und ihnen dankt für all das, was sie für die Menschen und die Umwelt tun: Die Kastanienfrau

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