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Herbstmorgen – Ein Bild für Mathilde

Oben am Waldrand saß Mathilde im Gras und zeichnete. Von hier aus hatte sie einen wundervollen Ausblick auf die Wiesen und Felder und das Dorf, das unter ihr in einer Senke lag. Es war ihr Lieblingsplatz und es war auch ihre Lieblingszeit. Jetzt zum Ende des Septembers malte das Licht besonders zarte und liebevolle Farben in das ausgebleichte Grün der Bäume und Wiesen. Sie schimmerten ebenso verspielt zu ihr herauf wie das satte Maisgelb der Felder. In einem zärtlichen, vielfach funkelnden Perlenspiel lösten sich die Nebelschleier, die über dem Talgrund lagen, langsam auf. Eine perfekte Szenerie für das perfekte Bild.
Ein Lächeln lag auf Mathildes Gesicht und ließ es jung und verletzlich aussehen. Und so fühlte sie sich auch. Es war dieses Gefühl, das sie immer alleine mit sich und der Stille der Natur empfand. Sie liebte diese Tageszeit, in der der Tag noch neu und die Luft noch klar und frisch war. Und sie liebte auch den frühherbstlichen Morgen. Immer schon war diese Zeit für ihre Kunst die beste gewesen. Es war ihre Zeit zum Zeichnen, Malen, Schreiben, aber auch zum Träumen und Nachdenken. Die Früchte des Morgens waren die süßesten und nie konnte sie sich an dem Schauspiel des erwachenden Morgens satt sehen.
Während sie staunte, glitt ihr Stift mit raschen Strichen über das Papier. Nicht schnell genug konnte sie das Erwachen des Tages aufzeichnen. Es störte sie nicht, dass ihr fröstelte. Zum Frieren hatte sie jetzt keine Zeit. Früh schon war sie heute aus dem Haus gegangen. Ohne Frühstück und ohne Jacke. Das Kämmen hatte sie auch vergessen. Nur ihren Zeichenblock hatte sie dabei und die Stifte.
Nun hatten die Sonnenstrahlen ihren Platz hier oben erreicht. Sie blickte auf, runzelte die Stirn. Über das Zeichnen hatte sie die Zeit vergessen. Bestimmt würden sie sie im Heim schon vermissen und nach ihr suchen. Vielleicht würden sie auch verärgert oder gar enttäuscht sein. Es war schließlich ihr Geburtstag und sie wollten sie bestimmt feiern. Fast meinte sie, sehen zu können, wie sie vor der Torte mit den neunzehn Kerzen standen und voller Ungeduld auf die Uhr sahen.
Sie sollte sie nicht länger auf die Folter spannen. Mathilde erhob sich und blickte sich wie suchend um. Welchen Weg musste sie gehen, um wieder nach Hause zu kommen? Der große breite nach links oder den schmalen nach rechts? Oder war sie auf dem Trampfelpfädchen, das direkt vor ihr in Serpentinen vom Tal herauf führte, gekommen? Mit Wegen und Richtungen hatte sie es nicht mehr so sehr. Jeder Weg führte schließlich zu einem Ziel. Was interessierte es sie noch?
Auch Zahlen waren ihr nicht mehr wichtig. Sie hatte sie nie gemocht und irgendwann waren sie ihr egal geworden. Sie ähnelten einander wie sich auch die Jahre ähnelten und die Geburtstage. Und ob sie heute wirklich ihren neunzehnten oder den neunzigsten feierte, war doch nun wirklich nicht von Bedeutung.
„Hauptsache, er wird gefeiert, dieser Tag. Von wem auch immer und warum auch immer“, murmelte sie und schlug den Weg nach rechts ein. Er fühlte sich richtig an, irgendwie.

© Elke Bräunling

herbstbluemchen