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Petersilie, Suppenkraut
Erzählung

„Petersilie, Suppenkraut wächst in unserm Garten. Unser Hannchen ist ´ne Braut soll nicht länger warten. Roter Wein, weißer Wein, morgen soll die Hochzeit sein. Roter Wein, weißer Wein, morgen soll sie sein.“
Singend tappte die Alte in dem großen Beet unter den Eichen hinter der Parkwiese herum. Ihr Lied hallte weit zu den Bänken hinüber, doch das störte niemanden. Es störte auch sie nicht. Sie schien nämlich etwas zu suchen, denn ihr Blick war zu Boden gerichtet. Manchmal fuhr sie mit einem Stock durch die Gräser und Kräuter, die hier wuchsen.
„Nichts, nichts, nichts“, murmelte sie dabei ein um das andere Mal. „Nichts gesehen, nichts gefunden. Ungeschehen. Jene Stunden.“
Immer heftiger und immer häufiger schüttelte sie den Kopf, bevor sie sich wieder nach vorne beugte und weiter suchte.
Fabian, der mit einem Buch auf der Wiese lag, wunderte sich. Was passierte dort? Niemand schien zu sehen, dass mit der alten Dame dort drüben im Blumenbeet etwas nicht stimmte. Er zögerte. Dann schlenderte er zu ihr hinüber. Es fiel ihm nie leicht, Fremde anzusprechen, doch dies hier war ein Notfall. Jedenfalls hörte es sich so an.
Er gab sich einen Ruck.
„H-hallo!“, stammelte er. „K-kann ich Ihnen helfen? H-haben Sie etwas verloren?“
„Der Garten verliert nichts“, nuschelte die alte Frau. „Noch nie habe ich in meinem Garten etwas verloren.“
„Ihr G-garten?“ Erstaunt starrte Fabian auf den Stock in ihren Händen.
„Was denn sonst, junger Mann?“ Die Alte sah ihn verwundert an. „Aber Sie können mir gerne helfen. Ich möchte eine Sonntagssuppe kochen und brauche dazu ein Sträußchen Petersilie.“
Fabian erschrak. Die arme Frau. Wie verwirrt sie doch war!
„A-aber dies ist nicht Ihr Garten“, versuchte er es vorsichtig. „Das hier ist ein Blumenbeet im Stadtpark.“
„Soso!“ Die Alte musterte ihn mit einem grimmigen Blick. „Wollen Sie damit sagen, ich wüsste nicht, was ich hier tue?“
Fabian wehrte ab. „Nein. Gewiss nicht. Es ist nur …“ Er rang mit Worten. Jedes konnte das falsche sein. „Ich wollte nur helfen und …“
Die Frau kam auf ihn zu und musterte ihn. Dann verzog sich ihr Mund zu einem spöttischen Grinsen.
„Sie meinen, ich bin tütterig und verkalkt und verwechsle Garten mit Stadtpark? Ist es so?“
„Ich… äh…“
„Nein. Sagen Sie nichts! Helfen Sie mir lieber suchen!“
„A-a-aber …“ Fabian fehlten die Worte.
Die Alte zog ihn am Ärmel. „Nun kommen Sie schon! Irgendwo müssen sie sein, meine Kräuter. Der Regen hat dafür gesorgt, dass hier alles in den letzten Tagen zugewuchert ist. Irgendwo in all dem Grün habe ich mein geheimes Kräuterversteck. Ein Töpfchen Petersilie, ein Töpfchen Schnittlauch, Kerbel, Dill und ein Liebstöckel, frisch gekauft auf dem Markt vor zwei Wochen. So lange bin ich nämlich schon zu Besuch bei meiner Enkelin. Sie war krank und ich päppele sie gerade etwas auf. Und stellen Sie sich vor, sie hat nicht einmal einen Balkon für ein paar Kräutertöpfe. Und ohne Kräuter koche ich nicht. Das verstehen Sie doch, oder?“
Fabian, der sich oft eine Großmutter gewünscht hatte, die sich um ihn sorgte, verstand. Was für eine tolle Frau! Er lächelte.
„Dann lassen Sie uns auf Suche gehen“, sagte er. „Petersilie, Suppenkraut können schließlich nicht verloren gehen.“

© Elke Bräunling