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Das alte Lied
Erzählung

„Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin. Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin, alles ist hin.“
Laut hallte das Lied durch den heißen, sonnigen Nachmittag. Es holperte zwischen den Hauswänden in der engen Gasse hin und her und tanzte mit den Schatten einen übermütigen Tanz. 
„Oh, halte die Klappe! Was für ein Lärm an diesem heißen Tag! Und das auch noch zur Siestazeit! Unverschämtheit!“, schimpfte eine Frauenstimme.
Ein Fensterladen klappte laut zu und für einen Moment herrschte Stille. Dann hub es von neuem an: 
„Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin. Ohhh …!“
Elisabeth, die in der Küche saß und die Pflaumen, die sie am Morgen geerntet hatte, für einen Pflaumenkuchen vorbereitete, summte mit. Ihr gefiel das Lied vom Augustin. Dabei war sein Text eher traurig, aber sie, Elisabeth, war auch oft traurig. Heute war auch wieder so ein Tag und sie konnte an dem herrlichen Wetter keine Freude empfinden. Die Hitze tat ihr nicht gut. Nicht mehr. Nur mit Mühe schleppte sie sich durch die Tage und am liebsten hielt sie sich im Haus auf. Sie, die früher nichts in der Stube halten konnte, wenn die Sonne am Himmel lachte.
„Alles ist hin, Geld ist hin, Gut ist hin …“, sang sie leise.
„Na, meine Liebe, so schlimm ist es ja nun nicht!“ Albert war in die Küche gekommen. Nach dem Mittagessen legte er sich immer eine Viertelstunde hin, aber heute war es ihm zu heiß im Obergeschoss.
„Ach!“, stöhnte Elisabeth. „Es ist nichts mehr, wie es war!“
Albert schob sich eine Pflaume in den Mund. „Stimmt!“, sagte er. „Aber die Pflaumen sind so gut wie eh und je!“
„Stimmt!“, sagte auch Elisabeth. „Sie sind noch jung in ihrem Leben, die Pflaumen, und weit entfernt von Wehwechen und Hitzeproblemen.“
Albert lachte. „Jung und süß und sommerfröhlich, ja, das sind sie. Ihr Problem ist nur: sie werden nur selten alt.“
„Und wenn doch, dann sind es Dörrpflaumen!“ Elisabeth lachte nun auch laut auf. Albert schaffte es immer wieder, eine gute Stimmung zu erzeugen. Das war so und es würde so bleiben, ganz egal, wie alt sie waren.
„Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin. Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin, alles ist hin“, hallte das Lied von draußen wieder ins Zimmer herein.
„Noch lange nicht, lieber Augustin!“, kicherte Elisabeth. „Nichts ist ‚hin‘. Noch sehr lange nicht.“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl