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Kirschenkinder
Erzählung für Senioren

„Ich bin ein Kirschenkind“, sagte Oma und pflückte eine Handvoll Kirschen vom Baum, der im Garten von Nachbarin Becker stand. Ein bisschen musste sie sich recken, um den Ast mit den Kirschen zu erreichen. „Für Kirschenkinder hängen die herrlich feinen roten Früchtchen nie zu hoch.“
„Eine Diebin bist du“, sagte Sara.
„Das ist Mundraub.“ Oma steckte sich eine Kirsche in den Mund. „Siehst du, schon ist sie in meinem Mund verschwunden. Ein kleiner Raub aus großem Hunger ist immer ein Mundraub.“
Sara sah sich um. Hoffentlich hatte sie keiner gesehen. Zu peinlich wäre es, wenn jemand Oma beim Klauen beobachtet hätte. Sie schüttelte den Kopf.
„‚Mundraub‘ ist ein altmodisches Wort. Es gilt nicht mehr, wenn man aus Hunger stiehlt. Das haben wir in der Schule gelernt.“
„Oh!“ Oma grinste. „Dann lass uns mal hoffen, dass mich die olle Becker nicht beim Raub ihrer kostbaren Kirschen beobachtet hat.“
In Omas Stimme klang ein Lachen.
Sara grinste. Oma war schon manchmal ganz schön schräg drauf.
„Vielleicht hat sie dich beim Klauen fotografiert“, neckte sie mit einem Grinsen.
„Das wäre ihr zuzutrauen“, murrte Oma. „Dabei war sie auch kein Kind von Traurigkeit, damals, als wir gemeinsam durchs Dorf gezogen sind und mit unserer Bande allerhand Unsinn angestellt hatten. Schön war das. Und die Beckersche war eine der wildesten von uns. Damals.“
Sie langte zum Kirschzweig und pflückte sich noch ein paar Kirschen.
„Als Kirschenkind muss ich kosten, ob die Früchte süß genug sind.“
„Genau“, hallte da Frau Beckers Stimme aus dem Garten. „Sie mögen dir wohl schmecken, meine Kirschen.“
„Oh!“, machte Sara.
„Oh … Hanna!“ Oma geriet ins Stottern. „Wie geht es dir? Ich …“
Frau Becker, die einmal Omas Freundin und ein wildes Bandenmitglied gewesen war, winkte ab.
„Lass stecken! Meinst du, ich weiß nicht, dass du dich jedes Jahr an meinem Kirschbaum bedienst?“ Sie lachte und ihr sonst so griesgrämiges Gesicht sah auf einmal richtig schön aus. „Wir Kirschenkinder dürfen das.“
„Recht hast du, Hanna“, sagte Oma. „Wir dürfen das, und wenn die Kirschen an meinem Schwarzkirschbaum reif sind, wirst du dir dein Recht ebenfalls nehmen. Auch wie jedes Jahr. Und ohne Mundraub.“
„Stimmt. Das ist Tradition. Und hinterher streiten wir uns wieder ein Jahr lang. So wie immer schon, nicht wahr?“
Oma lachte wieder. „Kirschenkinder dürfen das“, sagte nun auch sie.
Sara begriff gar nichts mehr. Warum scherzten die beiden Frauen miteinander? Sonst waren sie sich spinnefeind und schenkten einander nur böse Blicke. Komisch.„Warum seid ihr beide denn Kirschenkinder?“, fragte sie.
„Weil wir beide als Babys in unseren Wägen unter den blühenden Kirschbäumen hier im Garten gelegen haben. Später haben wir uns unter dem Kirschbaum zum Spielen getroffen“, erklärte Frau Becker.
„Zum Spielen und zum Streiten“, ergänzte Oma. „Und das halten wir weiter so, bis man uns zu Grabe trägt. Denn eigentlich können wir uns auf den Tod nicht ausstehen und doch mögen wir uns irgendwie.“ Sie kicherte. „Das ist eben so bei Kirschenkindern.“
„Genau“, pflichtete Hanna Becker ihr zu.
Dann lachten sie beide. Die Kirschenzeit war eben eine besonders gute Zeit. Man musste auch nicht alles verstehen.

© Elke Bräunling

kirschen am baum