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Das Lied vom weißen Flieder
Erzählung für Senioren

„Wenn der weiße Flieder wieder blüht, sing ich dir mein schönstes Liebeslied. Immer, immer wieder knie ich vor dir nieder, trink mit dir den Duft vom weißen Flieder. Wenn der weiße Flieder … lala laaa …“
Eine fröhlich klingende Stimme sang dieses Lied. Laut. Aus vollster Kehle. Irgendwo in den engen Gassen der Altstadt, dort, wo man sich in den angrenzenden Häusern längst zum Schlafen gelegt hatte. Ein Liebeslied zum Frühling mitten in der Nacht. So etwas aber auch!
Da, nun kam er näher, der Gesang. Laut und unverzagt hallte er zwischen den Hauswänden der Kapuzinergasse hin und her. Das Hallen machte das Lied lauter. Und fordernder, irgendwie.
Aber hallo?
Einige der Bewohner, die noch nicht ganz so fest schliefen, schraken hoch.
Was für ein nettes, fröhliches, altmodisches Lied. Das hatte es hier lange nicht mehr gegeben. Eigentlich nie. Und einige freuten sich, auf diese Weise in den Schlaf gewiegt zu werden. Andere schoben nochmals die Vorhänge zur Seite oder öffneten die Fenster. Man wollte sehen, was da draußen los war. Es passte auch so gut in diese laue Maiennacht. Flieder und Frühling und Mai und Liebe. Viele Gedanken weckten diese Worte. Träume. Vergessenes auch. Verdrängtes.
„Was für ein schönes Lied“, murmelte eine Stimme von irgendwoher.
„Unverschämtheit, dieser Lärm mitten in der Nacht!“, schimpfte es von anderswoher.
„Wie früher“, sagte Opa Bergrecht, der auf den Balkon vor seinem Wohnzimmer getreten war und nach der Sängerin Ausschau hielt. „Das Lied haben wir früher oft gesungen. Und getanzt haben wir auch.“
Nun verzog er doch etwas schmerzhaft das Gesicht. So wie er es immer verzog, wenn er an die Tanzstundenzeit erinnert wurde. Nein, mit Tanzen hatte er nichts am Hut. Damals, na ja, damals war es etwas anderes. Alles war damals anders, irgendwie.
Seine Gedanken schweiften zurück in eine Zeit, die er längst glaubte, vergessen zu haben. Er sah das junge Mädchen von damals wieder vor sich. Maria hieß sie. Maria mit den schwarzen Locken und den veilchenblauen Augen. Wie verliebt war er in sie gewesen! Und einmal, in einer jener lauen, blütensüß duftenden Frühlingsnächte, war er mit ihr nach dem Maienfest in der Stadthalle durch die Straßen gezogen. Singend. Tanzend. Und ein paar Ecken weiter, am Kapuzinergarten, hatte es so wundersüß nach Flieder geduftet, dass er für sie das Lied vom weißen Flieder gesummt hatte. Gesummt und gepfiffen. Sein Lied für Maria. Dann hatten sie getanzt – mitten auf der Straße – und er hatte ihr eine Fliederblüte in den Ausschnitt gesteckt. Ah! Dieser Duft!
Und was für eine bezaubernde Erinnerung. Er hatte sie ganz vergessen gehabt, die Maria mit den veilchenblauen Augen und dem Liebeslied des weißen Flieders. Wohin es sie wohl in diesem Leben verschlagen hatte?
Opa Bergrecht atmete tief ein und aus. Duftete es hier nicht auch genau so wie damals? Nach Flieder? Blütensüß und schwer. Der Kapuzinergarten war ganz in der Nähe. Ob es die Fliederbüsche noch gab? Morgen, nahm er sich vor, gleich morgen würde er nachsehen und, wenn niemand in der Nähe war, wie damals eine Blüte ‚klauen‘.

© Elke Bräunling

* Liedtext Fritz Rotter (* 3. März 1900 in Wien; † 11. April 1984 in Ascona)

FliederbuschFliederzeit und Fliederdüfte