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Ein kleiner Sonnenstrahl für Maria
Eine tröstende Geschichte – nicht nur für die Zeit der Maienandachten oder zu Mariä Himmelfahrt

Mitten im Wald auf einer Anhöhe über der kleinen Stadt wohnte Maria. Von ihrem Platz aus konnte sie in früheren Zeiten weit über das Land blicken und ein leises Bisschen hatte sie so auch immer ein Auge auf die Menschen.
In den letzten dreißig Jahren aber hatte niemand mehr die Bäume und Büsche zurückgeschnitten, und Maria war, hinter Zweigen und Blättern verborgen, immer unsichtbarer geworden. Unsichtbar und auch ein bisschen vergessen. Die Leute besuchten sie auch nicht mehr so häufig. Ihnen fehlte die Zeit – und auch ein wenig die Lust – zu einem Besuch bei der alten Marienstatue. Ihre Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern hatten Maria sehr geliebt und verehrt.
Fast jeden Tag hatte Maria damals Besuch und immer standen frische Blumen in den Tonkrügen zu ihren Füßen. Und fast jeden Tag hatten ihre Gäste etwas mit Maria zu besprechen. Sie redeten mit ihr, beteten oder erzählten ihr von Kummer und Nöten, von Glücksmomenten und kleinen Freuden. Oft saßen ihre Besucher auch nur stumm zu ihren Füßen oder auf der Steinbank, die ihr gegenüber stand. Zum Nachdenken, Träumen oder Ausruhen waren sie gekommen, denn all das konnte man mit Maria prima tun. Und irgendwie fühlte sich jeder nach einem Besuch bei der alten Steinstatue zufrieden. Und das war gut so.
Orte zum Reden, Nachdenken, Träumen oder Ausruhen suchten die Bewohner der kleinen Stadt heute immer noch. Eigentlich sehnten sie sich mehr denn je danach. Dass Maria Platz und Zeit für sie hatte, hatten die Menschen aber vergessen oder sie wussten es nicht.
So war es dunkel um Maria geworden. Und schattig. Selbst die Sonne konnte nur für wenige Minuten am Tag einen Sonnenstrahl durch das Blätterdach der Baumkronen zu ihr herabschicken.
„Die traurige Frau im Wald hat mich angelacht“, erzählte eines Tages ein kleiner Junge. Er hatte die Statue beim Versteckspiel entdeckt. Gerade in dem Moment, in dem er sie sich näher betrachtete, hatte ein kleiner Sonnenstrahl Marias Gesicht gestreichelt.
Die Maria im Wald hatte gelacht? Toll. Ein Wunder!
Schnell sprach sich diese Nachricht in der Stadt herum und man erinnerte sich wieder an die Marienstatue. Die war nun weniger alleine in ihrem dunklen Wald, denn jeder wollte nun auch ein bisschen bei Maria sein, sich bei ihr ausruhen und sie lachen sehen. Und Lachen, das tat sie dann auch gerne, die alte Steinstatue. Wenn ein kleiner Sonnenstrahl in der Nähe war …

© Elke Bräunling

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