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Hochzeitssuppe und falscher Hase

Seit Tagen war Oma Klein sehr beschäftigt.
„Die Kinder kommen“, erzählte sie den Nachbarn. „Und ich werde ein großes Fest vorbereiten mit allem Drum und Dran. Zum Mittagessen werde ich Hochzeitssuppe kochen nach einem Rezept meiner Urgroßmutter. Das ist die leckerste Suppe auf der Welt. Hmm.“ Sie verdrehte genießerisch die Augen und lächelte. „Schon lange habe ich diese Suppe nicht mehr gekocht. Wozu auch? Für mich alleine lohnt sich der Aufwand nicht.“
Sie überlegte einen Moment.
„Wenn die Kinder kommen, feiern wir Weihnachten, Ostern und Geburtstag der letzten zwei Jahre gleich auf einmal nach. Ja, und Muttertag auch. So lange nämlich haben sie mich nicht mehr besucht. Stets ist etwas dazwischen gekommen. Sie haben ja auch immer so viel zu tun und sind so beschäftigt. Und sie wohnen ja auch so weit weg. Alle. Jaja, da ist die Hochzeitssuppe genau die richtige Vorspeise zum großen Festmahl. Ach, ich freue mich so sehr!“
Frau Krieger, die Nachbarin zur Rechten, sah Opa Bauer, den Nachbarn zur Linken besorgt an. Hoffentlich würde sich Oma Klein nicht zu sehr und dann doch wieder vergebens freuen. Die letzten Male hatte es nämlich nie mit den Besuchen ihrer Kinder geklappt. Immer war etwas anderes dazwischen gekommen. Ein Darmvirus, ein kranker Chef, eine Prüfung, ein Motorschaden. Anderes. Solche Dinge eben.
„Und was wirst du als Hauptspeise kochen?“, fragte sie.
„Falschen Hasen“, sagte Oma Klein. „Das ist die Leibspeise der Kinder. Mit Kartoffelsalat, buntem Gemüse und Frühlingssoße, mit Kartoffelgratin und bunten Salaten, ja, und mit Pommes Frites – für die Kinder. Und zum Nachtisch Eistorte, rote Grütze und warmen Apfelkuchen mit Schlagsahne. Für jeden etwas zur Auswahl. Oh ja, das wird ein Fest!“ Sie überlegte einen Moment. „Und Kuchen. Kuchen muss ich backen. Jeder bekommt seinen Lieblingskuchen: Biskuitrolle, Erdbeerkuchen, Käsesahnetorte, Königskuchen und Hefenusszopf. Und für die Kinder Muffins und Mohrenköpfe.“
„So viel?“, staunte Opa Bauer.
„Machst du dir damit nicht ein bisschen zu sehr Stress?“, fragte ihre Freundin Evelyn Müller, die im Haus gegenüber wohnte.
Und Frau Krieger fragte, wieder vorsichtig: „Und du bist dir sicher, dass deine Kinder dieses Mal auch wirklich kommen werden?“
Das war eine Frage, die Oma Klein nicht hören mochte. Sie senkte ein wenig den Kopf.
„I-i-ich glaube schon, dass es dieses Mal klappen wird“, antwortete sie dann und ihre Stimme klang leise, kleinlaut fast. „Es muss doch endlich einmal klappen, oder?“
Der Zweifel in ihrer Stimme hörte sich traurig an.
„Ach was!“, sagte sie dann. „Es wird schon werden. Ja, dieses Mal werden sie kommen und wir werden ein wunderbares Fest haben.“
Die Nachbarn, die Oma Klein wie ein Familienmitglied schätzten und liebten, nickten. Und insgeheim beschlossen alle, sich für den Tag des Festes nichts anderes vorzunehmen und auch ein kleines Gastgeschenk für Oma Klein zu besorgen. Wie enttäuscht würde sie sein, wenn sie alle hier nicht – wie sonst auch – einspringen und das Fest, das für ihre Kinder gedacht war, mit ihr feiern würden. Und eigentlich fühlte sich dies auch richtig an, denn alle hier in der Straße waren seit vielen Jahren so etwas wie Oma Kleins Familie und das war gut so. Und auf Hochzeitssuppe und falschen Hasen hatten sie alle schon jetzt einen Riesenappetit.

© Elke Bräunling

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