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Ein Rosenstrauß für Oma

Zögernd betrat ein kleines Mädchen den Laden von Frau Blumenfee. Und zögernd blieb es mitten in dem kunterbunt mit Blumen, Kräutern, duftigen Seifen, Ölen, Kerzen und Kräutertees ausgestatteten Raum stehen. Es schloss die Augen, drehte sich langsam mehrfach um sich selbst und schnupperte. Tief, langsam, andächtig fast, atmete es ein und aus. Es war, als sammelte es all die Düfte, die sich in Frau Blumenfees Laden zu einer harmonischen, süßen Mischung vereinten, in diesen wenigen Atemzügen in sich auf. Noch ein tiefes Einatmen, ein zufriedenes Seufzen, dann blickte das Mädchen auf.
„Rosen!“, sagte es. „Ich suche Rosen für Oma. Schöne Rosen. Die schönsten, die Sie haben.“
„Gerne!“ Frau Blumenfee trat zu den Zinkkübeln, in denen die Rosen auf Käufer warteten. „Welche Farbe hast du dir vorgestellt? Rote Rosen zum Beispiel sind Botschafter der Liebe und Zuneigung und …“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Die Farbe ist nicht wichtig. Oma soll sich freuen.“
„Und deine Oma hat keine Lieblingsfarbe?“, erkundigte sich Frau Blumenfee vorsichtig.
„Nein.“
„Dann schlage ich dir einen bunten Rosenstrauß vor.“ Frau Blumenfee zeigte auf die Rosen in ihrem Angebot. „Darüber wird sich deine …“
„Nein.“ Es klang lauter nun, dieses Nein.
Frau Blumenfee war ein bisschen ratlos. „Magst du dir die Blumen selbst aussuchen?“
Das Mädchen nickte. Es trat vor die Kübel und Vasen, ganz nahe, dann schloss es die Augen, schnupperte, schüttelte den Kopf, schnupperte weiter und weiter, schließlich nickte es.
„Diese da!“, sagte es zufrieden und deutete auf einen Eimer mit Rosen, deren Blütenblätter etwas eingerollt waren und die nicht so schön aussahen. Es waren Rosen, die Frau Blumenfee in ihrem Garten geschnitten hatte, um ihre Blätter zu trocknen für ihre Tees und Duftwässerchen.
„Diese Rosen möchtest du haben? Sie sind eigentlich nicht zum Verkauf gedacht.“
„Sie sind aber die schönsten“, widersprach das Mädchen.
„Wirklich?“ Frau Blumenfee sah das kleine Mädchen verwundert an. „Du hast sie erwählt, weil sie dir leid tun?“, rätselte sie.
„Nein. Weil sie am schönsten duften. Darum“, antwortete das Mädchen. „Meine Oma kann Blumen nämlich nur mit der Nase sehen und mit den Händen. Sie ist blind.“

© Elke Bräunling

Eine etwas kürzere Fassung dieser Geschichte findest du hier: Rosen für Oma


Ein bunter Rosenstrauß für dich