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Das Herz der einsamen Pappel

Eine einsame Pappel stand im Nebel. All ihre Schwestern in der Allee waren in den letzten Tagen gefällt worden. Holzfäller waren mit schwerem Gerät angerückt und hatten sie abgesägt. Nur sie war übrig geblieben. Das tat weh! Die Pappel seufzte so tief, dass ihre Zweige zitterten. Nein, so wollte sie nicht mehr weiter leben. Warum hatten sie sie ausgespart? Alleine hier war sie dem Wind so sehr ausgesetzt, dass es schmerzte
„Wie gut, dass du noch da bist“, flüsterte da plötzlich ein Spatz.
„Es freut dich?“ Der Pappel wurde es warm ums Herz. Das nämlich hatte noch nie jemand zu ihr gesagt.
„Wo sollte ich meine Freunde finden wenn nicht bei dir, liebe Pappel?“, versicherte der kleine Spatz. „Wir würden uns ohne dich verlieren, träfen wir uns nicht einmal am Tag bei dir.“
„Ich bin auch froh, dass du widerstanden hast“, sagte die Elster voller Dankbarkeit. „Seit Jahren habe ich bei dir mein Nest. Du bist meine Heimat.“
„Meine auch“, rief das Eichhörnchen. „Du bist mir einer meiner liebsten Bäume, im Winter ebenso wie im Sommer. Viele Eichhörnchenkinder habe ich hier in meiner Astgabelhöhle großgezogen. Oh, ich weiß gar nicht mehr, wie viele.“
„Nicht so viele wie ich“, sagte Mama Maus, die in der Baumwurzel ihr Zuhause hatte.
„Sei nicht traurig wegen deiner Schwestern! Wir sind alle bei dir“, sagte der Spatz, der sich nun verantwortlich fühlte. Schließlich war er der erste gewesen, der ihre Trauer bemerkt hatte.
„Ja, wir sind alle da, weil du uns brauchst“, versicherte nun auch die Bisamratte, die im Flüsschen hinter der Pappel wohnte. „So gern komme ich hierher und ruhe mich aus.“
Da erklang ein Warnpfiff. Der Rabe war’s, der über der Pappel kreiste.
„Achtung! Ein Mensch kommt!“
Und wie der Blitz verschwanden die Tiere.
Der alte Förster schlenderte auf die Pappel zu und strich zärtlich über ihren Stamm. Er seufzte, dann umrundete er sie, suchte und fand schließlich ein kleines Herz, das jemand vor vielen Jahren in die Rinde geritzt hatte. Er lächelte.
„Du, liebe Pappel bleibst für immer, so wie die Liebe geblieben ist, die wir uns hier geschworen haben.“
„Es tut so gut, das zu hören“, dachte die Pappel. Sie zitterte nun nicht mehr. Auch wollte sie nun nicht mehr tot zu sein wie ihre Schwestern. Sie hatte ja ein Freunde und musste für sie da sein. Und sie wurde geliebt, das stand sogar auf ihrer Rinde.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl