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Urgroßmutters Schätze

Die stillen Tage hatten ein Ende. Menschenfüße schlurften über den Boden und die alten Holzdielen knarrten. Es war, als erwachten sie aus einem tiefen Schlaf und stöhnten nun, ungehalten über die Störung ihrer Ruhe.
„Es wird Zeit, dass hier einmal aufgeräumt wird“, sagte eine Männerstimme. „Seit Jahren war niemand mehr in dieser vergessenen Dachkammer. Schade eigentlich.“
„Das ist keine Kammer“, protestierte eine andere Stimme. Es war die Stimme einer jungen Frau. „Urgroßmutter nannte diese Kammer ihre ‚leise Bibliothek‘.“
Der Mann lachte. „Eine ‚leise Bibliothek‘! Diese winzige, verstaubte Kammer?“ Hoho. Das ist typisch für deine Urgroßmutter. Aus der schäbigsten Hütte zauberte sie ein Schloss aus Elfenbein.“
Er lachte ein freundliches Lachen, der Mann.
Dennoch schien die Frau gekränkt zu sein.
„Und? Was ist daran so lächerlich?“, fragte sie. „Du hast sie nie kennen gelernt. Als Urgroßmutter starb, war ich neun.“
„Ich glaube, ich kenne sie gut. Keiner aus deiner Familie, der nichts Erstaunliches von ihr erzählt. Und wenn ich mir diese ‚leise Bibliothek‘ so betrachte, ist mir deine geliebte Uroma um Vieles gleich noch vertrauter.“
Die Stimme des Mannes klang weich.
Seine Finger strichen über die staubigen Rücken der Bücher, die sich überall in dem kleinen Raum stapelten. Alles alte Romane, Gedichtbände, Reiseführer, Kalenderbücher, Kochbücher, Bildbände, auch Schulbücher und Poesiealben waren darunter.
„Sie hat gerne gelesen, deine Urgroßmutter“, stellte der Mann fest.
„Geliebt hat sie die Bücher und streng darauf geachtet, dass jedes an seinem Platz blieb. Darin war Urgroßmutter eigen. Sie lebte mit ihnen. In ihnen. Die Bücher waren ihr Schatz.“ Die Frau machte eine Pause, lächelte. „Und deshalb stehen sie noch immer unberührt hier.“
Der Mann staunte. „Das bedeutet, niemand hat seit ihrem Tod je eines dieser Bücher gelesen?“
Die Frau nickte. „Niemand. Ich glaube, irgendwie hat es keiner gewagt, Urgroßmutters Heiligtümer zu berühren.“
Da lächelte auch der Mann. „Sind wir also einem Familiengeheimnis auf der Spur?“ Er griff nach einem Buch, fuhr mit dem Ärmel über den staubigen Umschlag, dann schlug er es auf.
Staunend starrte er auf die fremdartigen Worte in einer ihm unbekannten Schrift.
„Kyrillisch“, sagte die Frau. „Die Bücher sind in vielen Sprachen geschrieben. Urgroßmutter hat sie auf der Flucht aus Russland mitgebracht. Du wirst kaum ein Buch in deutscher Sprache hier finden. Niemand außer ihr konnte sie lesen.“
Sie deutete auf die vielen kleinen beschriebenen Zettel, die Kohlerechnung, die Einkaufsliste, die gestempelten Briefmarken, die beiden Fotos und die gepresste Margerite, die alle beim Öffnen aus dem Buch gefallen sind.
„Und das ist ihr zweiter kleiner Schatz. In jedes dieser Bücher hat sie ihre kleinen und großen Lebenserinnerungen gesteckt. ‚Für dich! Damit du mich kennen lernst, wenn du erwachsen bist!‘, hat sie einmal zu mir gesagt.“
Die Frau zwinkerte dem Mann zu. „Meinst du, ich bin nun erwachsen und bereit für Urgroßmutters Schätze?“

© Elke Bräunling

omas staubige bücher