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Treffen am Samstag

Zum Samstag im Dorf gehörte, dass Nachbar Hermann eine Stunde vor Mittag einen Kasten Bier auf den Platz vor der Garage stellte. Dann öffnete er das Garagentor und schob sein Motorrad, eine alte Kawasaki aus den 70ern, heraus. Er parkte sie neben dem Bier. Dann zog er ein Küchenhandtuch aus der Hosentasche und staubte damit die glänzenden Chromteile der Kawasaki so liebevoll ab, dass sie noch mehr glänzten. Er wischte und wienerte und polierte und trank ein Bier dazu. Aus der Flasche. Immer wieder trat er einen Schritt zurück, begutachtete sein Werk und arbeitete weiter.
Ein Dröhnen hallte durchs Dorf. Es wurde laut. Von rechts und links und von der Hauptgasse schräg gegenüber näherten sich die Motorradfreunde von Nachbar Hermann auf ihren Maschinen. Drei, vier, fünf, manchmal auch sechs oder mehr. Sie hielten am Straßenrand und ließen die Motoren vor dem Ausschalten noch einmal aufheulen, bevor sie abstiegen, die Helme auszogen und breitbeinig zu Nachbar Hermann stiefelten. Sie begrüßten ihn per Faustschlag und stellten sich, eine Flasche Bier in der Hand, eine Zigarette im Mundwinkel, im Kreis um Nachbar Hermanns Prachtmaschine auf.
Nun war alles bereit für den großen Augenblick.
Mit feierlicher Miene beugte sich Nachbar Hermann über die Kawasaki und startete. Mit einem satten Röhren sprang der Motor an, ein sonor klingendes Motorengeräusch hub an, das laut und lauter wurde, und aus dem Auspuff quoll eine stinkende Abgaswolke.
Was für ein Sound! Alle ringsum waren begeistert. Die Männer starrten auf die Prachtmaschine, rauchten, tranken ihr Bier und schwiegen. Ihre Mienen waren andächtig, die Haltung lässig, das Nicken fachmännisch. Manchmal redeten sie auch miteinander. Über die Maschine. Worüber auch sonst?
‚Was für ein Sound!,‘ dachten auch die Nachbarn jeden Samstag aufs Neue. ‚Was für ein Höllenlärm!‘
Und sie warfen genervte Blicke auf Nachbar Hermann und seine Motorradhelden.
Jeden Samstag dieses Motorradgedröhne. Eine Zumutung. Aber sollte man deshalb einen Streit beginnen? Das lohnte nicht. Laut war jeder einmal. Jeder auf seine Weise.
Und die Kawasaki röhrte und röhrte. Fünf, zehn, manchmal fünfzehn Minuten lang. Bis Nachbar Hermann die Zündung wieder ausschaltete.
Er nickte zufrieden und seine Besucher nickten auch. Man trank noch ein Bier und rauchte noch eine Zigarette, blickte auf die Kawasaki, deutete auf einzelne Blechteile und redete auch einen oder zwei Sätze. Dann folgte ein lautes „Na, dann tschüs“ oder „Ciao-Ciao“ oder „Bis die Tage“ oder „Mach’s gut, Alter“. Die Helden bestiegen wieder ihre Kampfrösser, ein großmächtiges Röhren erschallte. Es ließ die Fenster in den umliegenden Häusern klirren. Noch ein quäkend mehrstimmiges Hupen, dann fuhr man langsam mit lautem Gedröhne dorfauswärts.
Nachbar Herrmann blickte seinen Bikerfreunden hinterher, bis auch der letzte Held nicht mehr zu sehen war. Er verharrte noch für einen Moment am Straßenrand, hob den Arm und winkte ins Leere. Dann ging er zur Kawasaki und dem leeren Bierkasten zurück. Er umfasste den Lenker, löste den Ständer und schob das schwere Bike wieder in die Garage zurück.
Es war wie an allen Samstagen im Dorf und irgendwie gehörte es auch dazu.
Nur hatte noch niemand gesehen, dass Nachbar Hermann seine geliebte Kawasaki auch fuhr. Es würde ihn auch keiner je damit fahren sehen. Das gehörte nicht zum Samstagsritual. Außerdem hatte Nachbar Herrmann seinen Führerschein schon vor acht Jahren gleich nach seinem neunundsiebzigsten Geburtstag freiwillig abgegeben.

© Elke Bräunling