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Die Pelzjacke

„Hast du gesehen, dass die alte Frau Hempe immer noch ihre Persianerjacke trägt?“, fragte Anni ihre Freundin Edeltraud, als sie am Sonntag aus der Kirche kamen. „Ich würde meine Mutter ja so nicht gehen lassen. Das ist doch peinlich!“
„Also meine Mutter ließe sich das von mir nicht verbieten. Warum auch, sie ist ein erwachsener Mensch und Frau Hempe ja wohl auch!“, antwortete Edeltraud.
„Pelz ist ganz schrecklich out und das ist gut so. Politisch unkorrekt, würde meine Schwiegertochter sagen.“ Anni nickte bestätigend.
„Unsinn. Wenn man so eine Jacke hat, soll man sie auch anziehen. Pelz wärmt und er sieht chicer aus als eine dieser Steppjacken.“
„Ja, aber …“ Anni überlegte einen Moment. „Aber ich finde es trotzdem nicht richtig. Die armen Tiere, wenn man überlegt, unter welchen Bedingungen sie gezüchtet wurden.“
Edeltraud hatte keine Lust auf eine Diskussion über Persianerjacken und versuchte, das Thema zu wechseln.
„Kommst du heute Nachmittag auch zum Flohmarkt?“, fragte sie.
Anni nickte. „Ich muss sogar dorthin. Nadeljule hat dort einen Stand und ich möchte unbedingt bei ihr stöbern. Außerdem habe ich im Dachboden einen Koffer mit alter Kleidung gefunden. Die muss noch von meinen Großeltern sein. Die möchte ich Jule zeigen. Vielleicht kauft sie mir einiges davon ab?“
Die Freundinnen verabschiedeten sich und wollten sich später dann am Stand der Nadeljule treffen.
„Wir trinken einen Kaffee dort und ein Stückchen Kuchen können wir uns auch genehmigen“, plante Edeltraud.
Zu Hause machte Anni sich gleich daran, die Kleidung aus dem alten Koffer zu sichten. Was kamen da für Schätze zutage! Eine cremefarbene Bluse mit handgeklöppeltem Spitzenkragen. Wundervoll!
„Die ist viel zu schade, um sie wegzugeben!“, beschloss Anni und legte sie zu den Sachen, die sie behalten wollte. Ganz unten im Koffer fand sie dann – eine Pelzjacke! Dazu gehörte ein Muff, der aus dem gleichen Fell gearbeitet war wie die Jacke.
Anni stieß einen Entzückensschrei aus. Wie schön die Jacke war! Wie kostbar und teuer. Von so einem wärmenden Schätzchen hatte sie immer heimlich geträumt. Sie würde wundervoll zu ihrer Wintergarderobe passen und ein bisschen auch zu Hund Willi. Er hatte die gleiche Fellfarbe und …
Anni erschrak. Fell? Willi? Ihre Wangen röteten sich vor Entsetzen. Was hatte sie da gerade gedacht? Schnell packte sie die Jacke zurück in den Koffer. Weggeben konnte sie sie nicht. Aber tragen? Darüber musste sie nachdenken.
„Ich trage mein Fell lieber an der Leine – lebend!“, versprach sie sich selbst.
Zum Flohmarkt erschien sie in Begleitung von Willi, der sogar ein eigenes Bratwürstchen bekam. Ausnahmsweise.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl