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So war das früher bei der Kartoffelernte

 

Wenn wir die Kartoffelernte einfuhren, dann kam immer die ganze Familie zusammen. Wir Kinder halfen fleißig mit, aber auch die Tanten und Onkel reisten an, denn alle bekamen ihre Ration an Kartoffeln mit nach Hause und die musste dann über den Winter reichen. Die Verwandten brachten selbstverständlich auch alle ihre Kinder mit. Ging ja auch nicht anders, wo hätten sie die sonst lassen sollen. Junge, war das eine Freude, wenn alle Cousinen und Cousins versammelt waren.
Oh, wir hatten viel Spaß bei der Arbeit und am Abend waren wir schwarz wie die Kohlenkerle. Einer wie der andere. Gut, ich gebe es zu: die Mädchen etwas weniger. Dann wurde gebadet, in der großen Zinkwanne in der Küche. Der Sauberste zuerst und streng nach Geschlechtern getrennt. Öffentlich badeten natürlich nur die Kinder, die Erwachsenen machten das unter sich aus. Aber die waren auch meist nicht so dreckig wie wir, da reichte es, sich zu waschen. Das glaube ich jedenfalls. Als ich selbst erwachsen war, pflanzten meine Großeltern keine Kartoffeln mehr an, höchstens ein paar Meter für den eigenen Bedarf.
Manchmal waren seltsame Formen zu finden, Herzen, oder sogar Gesichter. Wir haben uns kaputtgelacht, wenn wir wieder einen Zwerg mit langer Nase oder irgendein hässliches Gebilde gefunden hatten. Die Herzen bekamen die Mädchen, die wollten sie für ihren Liebsten verwahren. Wie albern! Die wurden doch grün oder sogar faul, bis sie den gefunden hätten. Na ja.
Zum Abendessen gab es Milchsuppe und Butterbrote. In der großen Gemeinschaft schmeckte mir sogar das, obwohl ich eine deftige Scheibe Wurst vorgezogen hätte. Aber davon gab es nicht so viel, denn ein Schwein wurde immer erst kurz vor dem Winter wieder geschlachtet.
Wenn alle Äcker abgeerntet waren, dann machten wir ein großes Fest, das Kartoffelfeuerfest. Das Laub der Erdäpfel wurde aufgeschichtet, dazwischen Kleinholz und Reisig. Wir Kinder sammelten das mit Feuereifer, denn je mehr von dem Holz aufs Feuer kam, desto länger brannte es. Manchmal qualmte es so sehr, dass wir heftig husten mussten. Das hielt uns aber nicht davon ab, noch näher ranzugehen, unsere Hände zu wärmen und im Schein des Feuers Spielchen zu machen. Hast du schon einmal gesehen, wie gruslig das aussieht im Feuerschein, wenn du furchtbare Grimassen ziehst? Da kann einem angst und bange werden.
Das Allertollste beim Kartoffelfeuerfest waren aber die Kartoffeln, die in der Glut gegart wurden. Die waren so lecker, danach hätte ich mir alle zehn Finger ablecken können. Jeder war für seine eigene Kartoffel verantwortlich, die er dann mit einem Stock aus dem Feuer fischte. Kohlrabenschwarz war die Kartoffel dann. Wenn man sie aufbrach, dann leuchtete das weiße Kartoffelfleisch und es duftete köstlich. Ich hatte immer einen eigenen Salzstreuer in der Hosentasche, das war praktisch.
Onkel Jupp holte dann zur Feier des Tages seine Quetschkommode und alle sangen mit. Die Großen kannten alle Texte auswendig und wir Kinder lernten sie schnell, zumindest die Kehrreime.
Wenn dann alle wieder abreisten, waren wir Kinder doch recht traurig. Denn nun kam erstmal die Jahreszeit, in der man nicht so viel draußen rumtoben konnte wie im Sommer. Alle zusammen waren wir dann erst wieder zu Weihnachten, aber das dauerte. Ist ja immer so, wenn man sich auf etwas ganz besonders freut, nicht wahr?

 

© Regina Meier zu Verl 2016

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