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Pflaumen für Oma Ida

„Pflaumen. Frisch gepflückt vom Baum. Wie lange habe ich sie nicht mehr gegessen. Ach ja.“
Oma Ida seufzte. Seit einigen Monaten konnte sie sich nur noch mit Gehhilfen vorwärts bewegen. An guten Tagen reichte das für einen kleinen Spaziergang durchs Dorf, an weniger guten Tagen schaffte sie es nur bis zum Briefkasten und an schlechten Tagen blieb Oma Ida gleich in ihrem Sessel sitzen. Die Schmerzen waren dann einfach zu stark.
„Es sind die müden, alten Knochen“, sagte sie. „Aber wenn es weiter nichts ist! Mein Kopf ist noch schwer in Ordnung, oder?“
Das stimmte. Oma Ida hatte ein Elefantengedächtnis und vor dem Computer war sie ein Ass. Sie liebte den Computer und an Tagen, an denen die Schmerzen in Hüfte und Knien besonders heftig waren, surfte sie im Internet. Das lenkte ab. Und in einigen Internetplattformen war sie wohl bekannt. Sobald Oma Ida zum Beispiel ihr Fenster im ‚Flüsterland‘* öffnete, wurde sie von vielen Internetfreunden begrüßt. Oma Ida liebte das ‚Flüsterland‘.
„Hier finde ich die neuesten Nachrichten aus aller Welt“, sagte sie. „Auch erfreuen die schönen Worte und Fotos dort meine Seele.“ Und sie unterhielt sich im ‚Flüsterland’ mit Menschen aus aller Herren Länder. Auch Leute aus dem Dorf traf sie hier. Klar.
„Twitter ist wie Kaffeeklatsch“, erklärte sie ihrer Tochter Beate, die mit Internet wenig am Hut hatte. „Nur ohne Kaffee, aber mit viel mehr Klatsch, Geschichten und auch wichtigen Nachrichten.“
Beate aber verstand ihre Mutter nicht. „Wie kann man in deinem Alter so närrisch sein?“, schimpfte sie auch heute wieder. „Meine Mutter, die Chat-Oma! Es ist peinlich.“
„Mir nicht“, antwortete Oma Ida. „Es ist ein neues Stück Leben, das ich mir mit meinen alten Beinen nicht mehr erlaufen kann.“
Beate aber wollte heute mürrisch sein. „Warum kannst du nicht wie andere Großmütter Socken stricken und Zopfkuchen backen und Kreuzworträtsel lösen?“
„Kann ich auch“, antwortete Oma Ida. „Aber es genügt mir nicht. Ich brauche auch das Internet. Es ist mein Tor zur Welt“
„Es ist eine unechte Welt“, murrte ihre junge Tochter, die doch irgendwie viel älter war als Oma Ida.
„Falsch!“, sagte Oma Ida. „Ich werde es dir beweisen. Wetten?“
Und als Beate später zum Einkaufen gefahren war, ‚betrat‘ sie ihr Tor zur Flüsterwelt.
„Hallo, liebe Freunde“, tippt sie in die Tasten. „Hier schreibt Oma Ida und heute brauche ich eure Hilfe.“
„Guten Morgen, Oma Ida.“ „Wie geht es dir, Oma Ida?“ „Hast du gut geschlafen, Ida?“ „Was machen die alten Knochen, Ida-Mädchen?“ „Welche Hilfe brauchst du, Ida?“ „Womit können wir dir helfen?“ „Hey, Ida, wo drückt der Schuh?“ „Probleme, Ida?
Viele Fragen und Hilfeangebote erreichten Oma Ida.
„Pflaumen“, schrieb sie als Antwort. „Ich habe mit meiner Tochter gewettet, dass ich hier jemanden finden werde, der mir frische Pflaumen bringt. Ließe sich das machen?“
Es dauerte nur wenige Minuten, und die ersten Antworten erreichten Oma Ida.
„Schade dass du so weit weg wohnst.“ – „Tolle Wette! Ich drücke die Daumen, dass du sie gewinnst.“ – „Hallo Leute, aufgepasst: Oma Ida im Walddorf B. hat eine Wette laufen. Sie braucht dringend frische Pflaumen. Any idea?“
Es waren noch viele Antworten mehr, und dann kam eine, auf die Oma Ida gehofft hatte.
„Ich schau mal bei uns im Garten, Oma Ida. Die Pflaumen müssten reif sein. Bis später, deine Sunny16“.
Oma Ida lächelte. Sunny16 war die Enkelin von Bäcker Trautmann aus der Hauptstraße im Dorf. Schon oft hatte sie sich mit ihr unterhalten, und sie war sich sicher, dass sie noch heute Abend frische Pflaumen essen würde. Mit Beate und der Familie.
Von wegen ‚Scheinwelt’.
„Ha!“, murmelte Oma Ida. „Wer alt und fußlahm ist, muss nicht auch doof im Kopf sein. Die Welt steht für jeden offen, wenn man die Tür nicht vor ihr verschließt.“

(* gemeint ist hier die weltweite Plattform „Twitter“, auf der sich Menschen aller Generationen und Länder zu Kurzunterhaltungen treffen)

© Elke Bräunling

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