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Veras Tränen

„Die Liebenden saßen aneinandergelehnt auf dem Steg; wie ein riesiger Spiegel lag der See vor ihnen. Am Horizont versank die blutrote Sonne.“

Seufzend klappte Vera das Buch zu. Wie so oft, wenn sie einen guten Roman beendet hatte, wurde sie traurig. Wie gern hätte sie noch erfahren, wie die Geschichte weiter verlaufen wäre. ‚Ich wünschte, es gäbe eine Fortsetzung und dann noch eine und noch eine!’, dachte Vera.
Sofort mit einem neuen Roman zu beginnen, das wäre ihr wie ein Verrat an der letzten Geschichte vorgekommen. Aber gar nicht zu lesen, das war auch keine Alternative. Das würde sie noch trauriger machen.
Die Türklingel riss Vera aus ihren Gedanken. Sie hatte völlig die Zeit vergessen. War das etwa schon Mary, die ihr heute die Haare schneiden wollte?
Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und eilte zur Haustür.
Der Paketbote überreichte ihr ein Päckchen, das Vera quittieren musste.
„Besten Dank, einen schönen Tag Ihnen!“, verabschiedete er sich und bevor Vera die Haustür wieder schließen wollte, tauchte Mary auf der Bildfläche auf.
„Gut, dass du da bist!“ Vera begrüßte die Freundin herzlich. „Komm rein!“
„Sag mal, wie siehst du denn aus? Hast du geweint?“ Mary stellte ihren Frisierkoffer ab und schlüpfte aus der Regenjacke. „Das Wetter ist aber auch zum Heulen!“, stellte sie fest.
Vera nahm Marys Jacke.
„Die hänge ich in die Dusche, okay?“, fragte sie. „Und dann mache ich uns erstmal eine schöne Tasse Kaffee. Geh doch schon in die Küche, ich komme sofort.“
Im Bad erfrischte Vera ihr Gesicht mit kaltem Wasser, um die Spuren der Heulerei zu entfernen. Sie kniff sich in die Wangen und ermunterte sich selbst: „Alles gut, Vera, es war nur ein Buch!“
Mary saß am Küchentisch und blätterte in der Tageszeitung. Als Vera den Raum betrat, schaute sie interessiert auf.
„Nun sag schon, was ist los?“
„Ach nichts, ich komme mir so blöd vor!“
Mary kicherte und deutete auf das Buch, das auf dem Küchentisch lag.
„Ist das etwas mal wieder der Grund für deine Tränen? Ein ausgelesenes Buch?“
Sie kannte die Freundin gut und erinnerte sich an etliche Situationen, die ganz ähnlich verlaufen waren.
„Ich werde dir irgendwann das Lesen verbieten!“, frotzelte sie und erntete einen Buff in die Seite.
„Damit würdest du mir die Luft zum Atmen nehmen“, behauptete Vera ernsthaft.
„Ich bin beeindruckt. Du hast das Zeug dazu, einen Liebesroman zu schreiben, so kitschig und melodramatisch wie du bist!“ Mary lachte nun laut heraus und kramte ihre Zigaretten aus der Tasche.
„Ich darf doch, oder?“, fragte sie überflüssigerweise nachdem sie den ersten Zug genommen hatte.
„Bei dem Wetter kann ich dich ja schlecht auf die Terrasse jagen, oder? Außerdem bin ich nicht melodramatisch, ich leide halt mit den Protagonisten!“
„Prota… was?“, fragte Mary und kicherte schon wieder, wobei sie sich am Zigarettenrauch verschluckte und eine Hustentour folgte.
„Du solltest das Rauchen sein lassen!“, schimpfte Vera. „Protagonisten, das sind die Hauptpersonen in einem Roman.“
„Ach so! Und jetzt sind sie tot, die Hauptpersonen?“
„Nein, wie kommst du darauf?“
„Na, weil du so heulst!“
„Ich heule gar nicht, ich bin nur traurig, dass ich nie erfahren werde, wie es mit Josie und Frank weitergehen wird …“
„Gibt es keine Fortsetzung?“
„Nein!“
„Dann schreib eine!“ Mary drückte die Zigarette aus und ging zur Tagesordnung über. „Wollen wir heute färben?“, fragte sie.

Als sich Mary einige Stunden später verabschiedet hatte, betrachtete sich Vera wohlwollend im Spiegel. Ihre Haare glänzten herrlich, die neue Farbe stand ihr gut und deckte erstes Grau ab. Die Traurigkeit war noch da, aber nicht mehr so heftig und es hatte aufgehört zu regnen. Vera beschloss, in die Stadt zu fahren und nach einem neuen Buch zu schauen. Dann fiel ihr das Päckchen ein, das noch unbeachtet in der Küche lag.
Vera holte eine Schere aus der Schublade, öffnete die Verpackung und hielt ein hübsches Buch in der Hand, eines mit leeren Seiten, die zum Füllen einluden. Vera schmunzelte, als sie die Karte las, die sie im Päckchen fand.

„Liebe Vera, wenn ich richtig liege, dann hast du heute dein Buch ausgelesen. Du willst unbedingt wissen, wie der weitere Verlauf sein wird, stimmt’s? Hier ist ein Büchlein für dich, dort hinein kannst du deine eigene Geschichte schreiben und die wird niemals enden. Fang einfach an und wenn die Seiten gefüllt sind, dann bekommst du von mir ein neues Buch. Ich liebe dich, dein Peter“

Nun möchtet ihr wissen wie es weitergeht, nicht wahr? Vera schreibt! Jeden Tag schreibt sie und sie liest und immer dann, wenn sie ein Buch ausgelesen hat, dann schreibt sie eine Geschichte. Sie weint immer noch, aber so ist sie nun mal, die Vera!

© Regina Meier zu Verl