Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , ,

Die Birke und die neuen Nachbarn

Nachbarn kann man sich nicht aussuchen. Das war schon immer so und wird immer so bleiben. Man kann sich nur arrangieren und versuchen, gut miteinander auszukommen. Auch wenn man dabei manchmal gute Miene zum bösen Spiel machen muss.
Aber immer und zu jedem Preis?
„Nein“, sagte Opa Breisig eines Tages. „Alles hat seine Grenzen.“
Wütend wie selten blickte er zum Nachbarhaus hinüber. Im letzten Sommer waren hier neue Nachbarn eingezogen und die hatten es in wenigen Monaten geschafft, sich mit allen Bewohnern in der Straße zu verkrachen. Die einen waren ihnen zu laut, die anderen zu schlampig, die dritten hielten die Mittagsruhe nicht ein, andere wiederum spielten zu laut Klavier und E-Gitarre oder heizten zu oft den Kaminofen an und das Grillen im Garten konnten sie sowieso nicht leiden. Grillen sei asozial, beschwerten sie sich. Und … ach, es gab viele Gründe zum Streiten, so wie man eben immer Dinge findet, über die man streiten kann, wenn man es denn will.
Heute nun war die Birke im Vorgarten der Breisigs der Stein des Anstoßes.
„Birken“, beschwerten sich die neuen Nachbarn, „seien menschenfeindliche Gewächse und dürften dort, wo Menschen wohnten, nicht angepflanzt werden. Wegen der Pollen.“
Der neue Nachbar hatte nämlich ein Problem mit Birkenpollen. Und deshalb sollte Opa Breisig die Birke fällen.
„Die Birke soll weg? Ha!“, empörte sich Opa Breisig. „Nur über meine Leiche.“
Und Uroma Breisig kämpfte gleich mit den Tränen. „Diese Birke habe ich geschenkt bekommen“, sagte Uroma Breisig zu Opa Breisig, ihrem Sohn. „Zur Erinnerung an einen ganz besonderen Tag mit deinem Vater. Niemals, hörst du, niemals darf der Baum durch die Säge sterben“.
Sie trat zum Fenster und schenkte der Birke einen sehr liebevollen Blick. „Ohne diesen Baum will ich hier nicht mehr wohnen“, murmelte sie.
Sie sagte es nur sehr leise, doch Opa Breisig hatte es doch gehört. Und seine Wut auf die neuen Nachbarn wuchs. Mit Anzeige und Anwalt hatten sie ihm gedroht und das war ihm nur selten in seinem Leben passiert. Wie unverschämt manche Menschen doch waren. Und wie gnadenlos.
Voller Stolz blickte er zu der alten Birke hinüber. Was hatte der Baum schon alles erlebt, gehört, gesehen. Wie ein Familienmitglied war er und ein Kämpfer war er auch. Viele Zweige hatte er im Laufe seines langen Lebens verloren. Und immer wieder hatte er neu getrieben und neue Zweige gebildet und überlebt. Wie eine Birke sah er längst nicht mehr aus, aber alt, interessant und schön. Viele Leute, die am Vorgarten vorbei gingen, blieben stehen und staunten. Eine Birke, die nicht nach Birke aussah und im Stamm so verwachsen war, dass man meinen konnte, sie stehe schon seit Urzeiten an dieser Stelle, gab es nicht überall. Dieser Baum gehörte ebenso zum Haus der Breisigs wie die Breisigs selbst.
„Nur über meine Leiche“, sagte nun auch Opa Breisig, und das sagte er später dem unzufriedenen Nachbarn. Er lud ihn aber auch gleich zum Birkenfest ein, das ab jetzt jedes Jahr im Mai unter der Birke im Garten der Breisigs stattfinden würde. Ein Fest zu Ehren der alten Birke und auch zu Ehren der Erinnerungen mit netten Nachbarn, Grillwürstchen, Musik und Spaß. Und mit der Birke, die dem Fest den Namen gab.

© Elke Bräunling

Eine weitere Birkengeschichte findest du hier: Die Tränen der Birken

Birkenpollenzeit

Aus dem neuen Buch: Omas Frühlingsgeschichten


Taschenbuch: Omas Frühlingsgeschichten: Frühlingsgeschichten und Märchen für Kinder
Ebook: Omas Frühlingsgeschichten: Frühlingsgeschichten und Märchen für Kinder

Information