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Hanni erinnert sich

„Ach, der Peter, das war ein eleganter Mann“, seufzt Hanni. „Und tanzen konnte der, wie ein junger Gott!“
„Hast du mit ihm getanzt, Hanni?“, frage ich und schaue mir das Foto näher an. Abgebildet ist ein blonder, junger Mann im dunklen Anzug. Etwas verloren sieht er darin aus, denn offensichtlich ist dieser Anzug mindestens eine Nummer zu groß für ihn. In seiner Hand trägt er einen Hut. Er schaut streng, kein Lächeln, nicht einmal eines, das man erahnen könnte.
„Wo denkst du hin? Das hätten meine Eltern niemals erlaubt. Ich habe nur zugeschaut, meine Mutter hat mich bewacht und der Peter, der hatte auch kein Auge für mich. Ich war ja eine graue Maus.“ Hanni kichert.
„Hast du mal mit ihm gesprochen?“ Ich bin neugierig und möchte wissen, was es mit diesem Peter auf sich hatte.
„Ja, das habe ich. Wie der Zufall es wollte, lief er neben mir her, als ich mir bei einem Fest einmal kurz die Beine vertreten wollte.“ Er sprach mich an:
„Na, Hanni, willst du auch an die frische Luft?“, fragte er mich und ich war so nervös, dass ich nur ein undeutliches Gestammel von mir geben konnte.
„Woher wusste er denn deinen Namen?“
„Wir gingen doch in die gleiche Klasse. Trotzdem war ich erstaunt, dass er sich an mich erinnerte.“
„Und dann? Wie ging es weiter?“, dränge ich sie.
„Er bot mir eine Zigarette an, aber ich hatte Angst, mich zu blamieren. Schließlich hatte ich noch nie geraucht. Mein Vater wäre vor Ärger geplatzt, wenn er mich erwischt hätte. Damals fanden die jungen Frauen es total chic, sich eine Zigarette anzuzünden. Ich hab das nie probiert, stinkt ja fürchterlich, nicht wahr?“
Ich stimmte ihr zu, obwohl ich selbst viele Jahre diesem Laster erlegen war.
„Was habt ihr sonst noch geredet?“
„Och, eigentlich nichts. Er hat geredet und ich habe zugehört und soll ich dir mal ganz ehrlich was sagen?“
„Ich bitte darum!“
„Sympathisch war er nicht. Er redete von seinen Kameraden, stellte sich aber als den tollsten Mann heraus, der in seiner Burschenschaft zu finden war. Ich mag so was nicht.“
„Aha, ein Aufschneider also. Die mag ich auch nicht. Hast du ihn später noch einmal getroffen?“
„Nein, ich bin ihm aus dem Weg gegangen und es dauerte ja auch gar nicht lange, da lernte ich meinen Alfred kennen. Der war nicht so elegant und tanzen konnte er auch nicht. Aber er war eine Seele von Mensch und für unsere Kinder war er der beste Vater, den man sich vorstellen kann.“ Hannis Augen wandern in die Weite. Sie denkt an ihren Mann, der schon vor vielen Jahren verstorben war.
„Warst du glücklich, Hanni?“, frage ich sie leise.
„Ja, Kindchen, das war ich!“
Ich schüttle ihre Kissen auf und Hanni lehnt sich dankbar zurück. Mit ihren fast neunzig Jahren liegt sie nun schon seit zwei Wochen in unserem Krankenhaus. Ein komplizierter Beinbruch erforderte eine Operation.
Nach ein paar Tagen bestand sie darauf, dass ich Hanni zu ihr sage. Sie fühle sich sonst so alt, erklärte sie mir.
Eine Frage habe ich noch an sie, bevor ich mich um einen anderen Patienten kümmern möchte. Ich bin nämlich eine von den grünen Damen, keine Krankenschwester. Wir haben etwas mehr Zeit für die Patienten, besonders dann, wenn sie niemanden haben, der sie besuchen kommt.
„Warum trägst du Peters Bild mit dir herum? Hast du keines von deinem Mann?“
Hanni lächelt.
„Meinen Alfred, den habe ich im Herzen und wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich ihn ganz deutlich vor mir. Das Bild von Peter habe ich zufällig in dem Buch da gefunden, ich weiß nicht, wie es dort hinein geraten ist.“
Sie deutet auf das Buch auf dem Nachtschrank. Dann reicht sie mir das Bild.
„Leg es zurück, bitte!“
Ich schlage die erste Seite des Buches auf und sehe die Widmung, in Sütterlinschrift verfasst. Lesen kann ich sie nicht, nur die Unterschrift ist eindeutig für mich lesbar „Dein Peter“.
Alles Weitere soll Hannis Geheimnis bleiben, es sei denn, sie erzählt mir in den nächsten Tagen davon – eigentlich geht es mich ja nichts an, aber es interessieret mich nun doch.

© Regina Meier zu Verl

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