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Geschichten von früher

„Ach Vater, lass doch die alten Geschichten. Die hast du alle schon tausend Mal erzählt!“
Angela besucht ihren Vater, der seit einigen Jahren allein in seiner kleinen Wohnung lebt. Seit dem Tode der Mutter kümmert sie sich um die Wäsche und putzt seine Wohnung regelmäßig. Manchmal wird ihr das zu viel. Sie hat ihr eigenes Haus zu versorgen und die drei Kinder müssen von A nach B kutschiert werden. Heute ist sie besonders schlecht gelaunt, Freddy hat sein Turnzeug vergessen und sie musste es ihm in der großen Pause nachbringen.
Der Vater schluckt und senkt den Blick. Angela ist doch die einzige, mit der er noch reden kann. Ab und zu wechselt er ein paar Worte mit dem Briefträger und der Dame vom Pflegedienst, die jeden Morgen kommt. Aber sie ist immer in Eile. Zehn Minuten, dann muss sie zum nächsten Termin. Es ist schrecklich.
„Neue Geschichten habe ich nicht“, sagt er leise und in seinen Augen schimmern Tränen. „Hier passiert doch nichts und was morgen sein wird, das weiß ich nicht. Was soll ich also anderes erzählen, als Geschichten aus der Vergangenheit?“
„Ich weiß ja, Vater!“ Angelas Stimme klingt nun viel sanfter. Sie hat ein schlechtes Gewissen. Sie liebt ihren Vater sehr. Doch das Leben in der Familie ist manchmal sehr anstrengend und Toni, ihr Mann, ist die ganze Woche unterwegs und kommt immer erst am Freitag zurück. Angela wischt über den Bildschirm des Fernsehers.
„Im Fernsehen kommt auch nichts Schönes mehr, immer nur schlechte Nachrichten und Berichte vom Krieg. Dabei haben wir damals gedacht, dass es nie wieder Krieg geben würde irgendwo. Gehofft haben wir es und nun kommt es immer näher. Überall schlagen sie sich die Köpfe ein. Ich mag das nicht mehr anschauen, ändern kann ich sowieso nichts!“, beklagt sich der Vater.
Angela stimmt ihm zu. „Ja, das ist wirklich nicht schön. Aber verschweigen kann man es ja auch nicht, wir müssen doch wissen, was in der Welt los ist, nicht wahr?“
„Ich muss das nicht mehr wissen, ich vergesse es sowieso wieder. Gerade gestern hatte ich so ein Erlebnis. Ich hatte das Radio eingeschaltet und hörte Musik. Du weißt ja, dass ich die alten Schlager so mag. Ich kannte ein Lied, hätte den ganzen Text mitsingen können, aber meinst du, mir wäre der Name des Sängers wieder eingefallen? Ich bin fast verrückt geworden, weil ich mich nicht erinnern konnte. So fängt es an, liebe Angela!“
Angela lachte. „Ach Vater, das ist doch Quatsch! Was meinst du, wie oft ich mich nicht an Namen erinnern kann. Noch schlimmer ist es mit dem Einkaufen, wenn ich keine Liste mitnehme. Ich vergesse die Hälfte von dem, was wichtig ist. Das wäre mir früher auch nicht passiert.“
„Ehrlich?“
„Ja, ganz ehrlich, sei beruhigt. Das geht dir nicht allein so.“
„Angela, weißt du vielleicht den Namen des Sängers?“ Der Vater beginnt zu summen und einzelne Textpassagen zu singen. Wie schön das klingt. Angela legt den Putzlappen zur Seite und setzt sich zu ihrem Vater auf die Sessellehne. Sie legt den Arm um die Schultern ihres Vaters und schmiegt sich an ihn. Der summt weiter, so, als wolle er den Moment anhalten.
„Papa, ich weiß nicht, wer das gesungen hat. Aber es klingt schön. Wir sollten viel öfter die alten Schlager anhören, das fühlt sich an wie früher, als ich abends auf deinem Schoß saß und dir zugehört habe, weißt du noch?“
„Sicher weiß ich das noch. Du warst für mich die schönste Tochter der Welt und ich war so stolz auf dich. Ich denke noch sehr oft daran.“
„Entschuldige, Papa, dass ich vorhin so gereizt war!“, bittet Angela kleinlaut. Ihr wird bewusst, wie sie zu Unrecht wütend auf den Vater war. Der konnte schließlich nichts dafür, wenn sie Stress hatte. „Weißt du was?“, fragt sie, denn plötzlich kommt ihr eine gute Idee.
„Wir werden von jetzt an, wenn ich bei dir bin, die Zeit besser nutzen. Ich putze ganz schnell die Wohnung und dann setzen wir uns zusammen hin und hören Musik oder vielleicht magst du mir mal wieder etwas vorlesen, so wie früher.“
Der alte Herr nickt zustimmend. „Oh ja, das machen wir!“, ruft er begeistert. „Fangen wir gleich heute damit an, ja?“
„Okay, ich räume gerade das Putzzeug weg und koche uns eine Tasse Tee. Dann habe ich noch eine gute Stunde Zeit, bevor Freddy aus der Schule kommt. Ich muss ihn abholen, weil er gestern so ein blödes Erlebnis auf dem Weg nach Hause hatte. Ein größerer Junge hat ihm den Weg versperrt, als er vom Fahrradständer kam. Heulend kam er zu Hause an.“
„Das ist dir auch passiert, weißt du noch?“, fragt der Vater.
Angela kann sich nicht erinnern und lässt sich erzählen, was damals vorgefallen ist. Plötzlich hat sie dann die Situation wieder vor Augen und sie sieht ihren jungen Vater, der tüchtig mit dem Nachbarsjungen schimpft, weil er seine Tochter nicht in Ruhe lässt. Angela grinst.
„Du hast ihm ganz schön Angst eingejagt, dem Michael. Der hat es nie wieder gewagt, mich zu ärgern“, kichert sie. „Er wollte dann auch gar nichts mehr mit mir zu tun haben. Darüber war ich froh. Der hätte sich die Nase vergolden lassen können, dann wäre er für mich immer noch Luft gewesen!“
Nachdem Vater und Tochter eine schöne Teestunde miteinander verbracht haben und ihnen sogar der Name des Sängers wieder eingefallen ist, verabschiedet sich Angela.
„Ich guck mal, ob ich im Internet etwas über Rudi Schuricke finde und dann singen wir wieder gemeinsam: Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt … „
„Bella, bella, bella Marie, la la la la la la la morgen früh …“, stimmt der Vater ein und ein glückliches Lächeln liegt auf seinem Gesicht.
© Regina Meier zu Verl

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