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Frühjahrsputz und ein Lied

Endlich hatte es aufgehört zu regnen. Es wurde auch höchste Zeit.
Immer wieder hatte Elisabeth Wegner ihren Frühjahrsputz verschoben. Es lohnte nicht. Regen vertrug sich nicht mit frisch geputzten Fenster und Fußböden.
„Wo kämen wir denn da auch hin?“, brummte sie. „Ich bin nicht nur zum Putzen auf dieser Welt. Jedenfalls nicht mehr.“
Sie presste die Lippen noch fester aufeinander und spähte durchs Fenster. Ob sie es heute wagen sollte, mit dem Putzen zu beginnen? Würde das Wetter halten?
Dieser Frühjahrsputz brannte ihr unter den Nägeln. Sie war schon viel zu spät damit. Der Februar, der Monat des Reinigens, war längst vorüber und sie pflegte diesen großen Akt stets pünktlich zu erfüllen. Mit feierlichem Grimm.
Zum Reinigen allerdings war sie in diesem Jahr noch nicht gekommen. Halt. Falsch. Das Wetter hatte es nicht zugelassen, dass sie sich an ihre Gewohnheiten halten konnte. Gewohnheiten, die sie hasste und die sie – eigentlich – aus ihrem Leben streichen wollte. Es war vorbei. Richard war ausgezogen, um bei dieser brünetten Schlampe, die nicht nur eine Schlampe sondern auch knapp zwanzig Jahre jünger war, zu leben. Nun war keiner mehr da, der Ansprüche stellte und sie mit vorwurfsvollen Blicken bedachte, wenn sie irgendwelchen Wünschen nicht zur Zufriedenheit nachkam.
Nur dieser Frühjahrsputz noch. Der musste sein. Nichts im Haus sollte mehr an Richard, diesen Mistkerl, erinnern. Hinausputzen wollte sie ihn, wenn es so etwas gab. Man sollte ihn hier nicht mehr sehen, nicht mehr hören und riechen. Sauber sollte das Haus sein. Klinisch rein und frei.
Und frei wollte auch sie endlich sein.
Eine Freiheit, mit der sie nach den neunundzwanzig Ehejahren eigentlich gerade so gar nichts anzufangen wusste und in der sich die Zeit hinter dem Tag versteckte. Oft wollten die Stunden in diesem neuen, ungewollten Leben nicht vergehen und sie fragte sich immer häufiger nach dem Sinn in diesem ihr sinnlos erscheinenden Leben.
Sinnlos?
„Keine trüben Gedanken, Elisabeth“, sprach sie sich nun Mut zu. Sie tat es oft in jenen Spätwintertagen, um nicht in die Trauer des Selbstmitleids zu fallen. „Du hattest die Wahl, damals. Nun lebe damit.“
Und mit Wehmut dachte sie an ihr Musikstudium, das sie Richard und der gemeinsamen Tochter zuliebe abgebrochen und nie wieder aufgenommen hatte. Es hatte sich nicht ergeben und sie war ja auch beschäftigt. Mit Mutter- und Hausfrauenpflichten.
„Und mit Putzen“, sagte sie laut in die Leere des Wohnraumes hinein.
Putzen. Ob sie nicht doch wenigstens die Fenster zum Garten hin schon einmal putzen könnte. Alles, nur nicht grübeln. Wie ist das nun mit dem Wetter?
Sie öffnete das Fenster zum Garten, blickte zum Himmel, atmete tief durch.
Es war noch heller geworden, bald würde die Sonne scheinen. Perfekt.
Gerade wollte sie Fensterputzmittel und Wischtücher holen, als sie das Lied hörte:
„Froh zu sein, bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König.“
„Was für ein Hohn“, murmelte sie. „Es passt zu diesem Tag, dieses Lied. Oh, wie gerne wäre ich auch wieder einmal ein König und froh. Nein, eine Königin.“
Sie lauschte wieder. Es waren zwei Sänger, eine Frau und, etwas weiter entfernt, ein Mann. Und sie sangen schön. Schön falsch und schön fröhlich. Und zweistimmig nun, so wie man einen Kanon eben singt.
Sie beugte sich etwas weiter aus dem Fenster und spähte in den Nachbargarten.
„Oh! Es ist Oma Erdmann, die hier singt. Und wer ist der Mann? Der neue Nachbar? Wie gut gelaunt sie sind! Sie scheinen sich gut zu verstehen.“
Und ohne es zu wollen, stimmte sie in das Lied mit ein. Mit klarer, glockenreiner Stimme. Einer dritten Stimme im kleinen Kanon. Es machte Spaß … und es klang schön.
„Ich kann es noch“, sagte sie leise. „Ich kann noch singen. Komisch, ich hatte es vergessen in diesem Leben.“
Sie freute sich und lächelte und das war auch ein neues Gefühl. Ein frohes.

© Elke Bräunling

Wie es dazu kam, dass Oma Erdmann dieses Frühlingslied sang: Froh zu sein bedarf es wenig
Nicht immer war Oma Erdmann zum Singen zumute: Frühlingslächeln für Oma Erdmann

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