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Eine Rose für die Liebste

Einmal hatte ein Mann eine Rose gekauft. Keinen Rosenstrauß. Nein. Eine einzelne rote Rose nur für die Frau, die er liebte. Natürlich hätte er sich auch einen prächtigen Rosenstrauß leisten können, denn er war kein armer Mann. Er war auch kein geiziger Mann. Nur zu gerne hätte er die Frau, in die er sich verliebt hatte, mit einem Blumenmeer und allem, was ein Herz begehrt, verwöhnt. Aber er wollte nicht verwöhnen, er wollte lieben. Die echte, wahre Liebe wollte er finden, und die, das hatte er gelernt, konnte man mit keinem Geld der Welt kaufen. Damit machte man es sich zu leicht. Liebe, so dachte der Mann, konnte man nur zeigen und beweisen und leben.
„Ich lebe meine Liebe“, sagte er zu seinem Freund, den er am Abend im Bistro traf. „Und diese Rose wird mir den Weg weisen.“
Das konnte sein Freund nicht verstehen. „Willst du die Frau deiner Träume mit einer einzigen Rose für dich gewinnen?“, fragte er.
Der Mann nickte. „Dieses Mal möchte ich es richtig machen.“
„Bestimmt hält sie dich für einen eigenartigen, geizigen Kerl“, meinte der Freund. „Einen Spinner, der das Leben nicht kennt.“
„Sehe ich so aus?“, fragte der Mann zurück.
„Das Bild eines Mannes, der die Frauen versteht, strahlst du nicht aus. Eine Rose nur zeigt dein Zögern, dein Zweifeln an deiner Liebe zu ihr. Sie wird dich nicht verstehen.“
„Dann ist sie die Falsche“, erwiderte der Mann.
„Du willst sie also testen.“ Der Freund nickte verstehend. „Wenn du es so siehst.“ Er schielte zu der Rose, die auf dem Tresen lag. „So betrachtet ist das eine gute Sache. Ich würde sagen, du machst es richtig, mein Freund.“
„Meinst du wirklich?“ Der Mann sah seinen Freund misstrauisch an. Zweifel bemalten sein Gesicht mit tiefen Falten. Er zögerte. „Also, ich bin mir nun nicht mehr so sicher. Vielleicht sollte ich ihr doch einen Blumenstrauß kaufen. Oder ein Schmuckstück? Oder …?“
Er stand auf, griff nach seinem Mantel und verließ mit einem eiligen „Bis morgen und Adieu“ das Bistro.
„Na, endlich!“, brummte der Freund. „Ich dachte schon, es würde mir nie gelingen, ihm diese Rose abzuschwatzen. Nun ist es aber höchste Zeit. Ich muss mich beeilen.“
Er lächelte, nahm die Rose und steckte sie ins Knopfloch seines Jackets. Dann ging er gut gelaunt mit weit ausholenden Schritten seines Weges. Er hatte da nämlich auf einmal so eine Idee, wem er an diesem Abend noch eine kleine Freude machen konnte.

© Elke Bräunling

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