Schlagwörter

, , , ,

Das Vorher und das Nachher

Wir waren eine glückliche Familie, die es geschafft hatte, so manchem Sturm im Leben zu trotzen.
Alles änderte sich, als Großvater gestorben war. Für uns alle gab es nur noch ein Vorher und ein Nachher. Die jeweilige Grenze zu überschreiten war schmerzhaft und so fingen wir an, es zu vermeiden. Meist lebten wir im Vorher, erzählten uns Geschichten einer Zeit, die besser gewesen war, als die, die nun vor uns lag.
Wir trauerten gemeinsam. Das schweißte uns als Familie noch mehr zusammen. Trotzdem gab es immer wieder auch Streit, weil wir alle so dünnhäutig geworden waren.
„Du hättest ihm noch die Haare schneiden sollen!“, warf Oma meiner Mutter vor. „Er sah ja ganz schrecklich aus an seinem letzten Tag!“
Mama hatte weinend das Zimmer verlassen, ihre Jacke genommen und die Haustür hinter sich ins Schloss fallen lassen.
Oma begann auch zu weinen und ich reichte ihr ein großes Stück von der Küchenrolle, in das sie lautstark schnäuzte.
„Ich habe es doch nicht böse gemeint“, schluchzte sie.
„Das weiß ich doch, Oma. Und Mama, die weiß es auch!“, versuchte ich sie zu trösten, während meine kleine Schwester auf ihren Schoß kletterte und die Ärmchen um sie schlang.
Nach einem solchen Vorfall kam meine Mutter meist nach ein paar Minuten zurück und dann tranken die beiden Frauen Tee miteinander, mit einem kleinen Schuss Rum drin, so, wie Großvater ihn gern gehabt hatte.
Papa hielt sich aus allem raus. Es fiel ihm schwer, Gefühle zu zeigen und deshalb schwieg er lieber gleich. Er vermisste die abendlichen Gespräche mit Mama. Oma saß immer gemeinsam mit ihnen im Wohnzimmer. Sie wollte einfach nicht allein sein in ihrer Wohnung, das verstanden wir alle.
Aber das Leben musste weitergehen. Wir Kinder kehrten zuerst zur Normalität zurück. Wir spielten miteinander, zunächst noch still, dann aber fingen wir an zu streiten und raufen und das Leben kehrte zurück ins Haus. Wir bezogen Oma in unsere Spiele mit ein und manchmal gelang es uns, dass sie sogar ein wenig lachen konnte. Das war schön, erleichtert stellten wir fest, dass sie immer seltener weinte. Jedenfalls sahen wir es nicht mehr so häufig.
An einem Abend, ein paar Tage vor meinem Geburtstag, lag ich in meinem Bett und las noch ein wenig in meinem spannenden Buch. Es ging um einen Zaubertunnel, der in einem Waldstück lag und immer wenn ein Mensch durch diesen Tunnel ging, dann kam er auf der anderen Seite verwandelt wieder heraus. Erik, die Hauptperson in meiner Geschichte, war gerade als Hund wieder erschienen und das fand ich einerseits lustig, aber auch ein wenig beängstigend, denn er konnte sich nicht zurückverwandeln. Das glaubte ich jedenfalls. Ich klappte das Buch zu und machte mir so meine eigenen Gedanken dazu. Wäre es schön, ein anderes Leben zu haben, fragte ich mich, als ich jäh in meinen Überlegungen gestört wurde.
Papa kam in mein Zimmer. „Ist Jule bei dir?“, fragte er und trat an mein Bett.
„Nein, sie ist doch schon längst im Bett, ich habe ihr sogar noch etwas vorgelesen, dann ist sie eingeschlafen!“
„Sie ist nicht in ihrem Bett!“, behauptete Papa. Ich schlüpfte in meine Hausschuhe und rannte zu Jules Zimmer. Tatsächlich, sie war nicht da.
„Vielleicht musste sie mal!“, stellte ich fest.
„Im Bad ist sie auch nicht, in der Küche und im Wohnzimmer auch nicht!“
Der Tunnel fiel mir ein. Ich hatte Jule davon erzählt. Vielleicht hatte sie sich auf die Suche gemacht und sich verirrt. Meinen Eltern erzählte ich das aber nicht, denn sofort packte mich das schlechte Gewissen. Was war, wenn Jule meine Geschichte für wahr gehalten hatte?
„Ich gehe mal hoch zu Mutter“, schlug mein Vater vor und machte sich auf den Weg. Mama und ich warteten an der Treppe, wir wagten kaum zu atmen und lauschten angestrengt.
Dann erschien mein Vater oben an der Treppe. Er legte den Finger auf die Lippen und winkte uns nach oben.
„Das müsst ihr euch anschauen!“, flüsterte er.
Wir folgten ihm leise zu Omas Schlafzimmer. Dort lagen die beiden, Arm in Arm, im großen Ehebett. Oma schnarchte selig und Jule hatte sich eng an sie gekuschelt.
Leise gingen wir wieder nach unten.
„Das ist die beste Therapie für Oma!“, sagte meine Mutter und lächelte.
Von da an durften wir Kinder abwechselnd bei Oma schlafen und das tat uns allen gut. Wir waren im Nachher angekommen und es tat nicht mehr so weh, wenn wir die Grenze zum Vorher überschritten. Irgendwie hatten wir alle das Gefühl, dass Großvater immer noch bei uns war und sicher fand er es gut und richtig, dass wir sein Bett nun in Beschlag genommen hatten.

© Regina Meier zu Verl