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Frohe Weihnacht, Ihr lieben Leser!
Und Frohe Weihnacht auch Dir, Opa, dort, wo du jetzt bist!

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Die Alten und das Kind

Stur waren sie, knurrig und zuweilen sehr eigen, die fünf altehrwürdigen Honoratioren der kleinen Weinstadt. Und sie waren eingeschworene Gewohnheitstiere. In den langen Jahren des Ruhestandes hatten sie sich ihren Tag nach und nach fest eingeteilt, und dieser Rhythmus musste streng eingehalten werden, sollte ihre kleine Welt in Ordnung bleiben.
Einen Teil des Tages verbrachten sie gemeinsam: Nach dem Mittagschlaf traf man sich zunächst im Café Roth zur Lektüre der Tageszeitungen. Dann folgte der alltägliche Spaziergang, der an Weinbergen vorbei zum Friedhof führte, obwohl keiner von ihnen diesen Ort besonders mochte. Doch das tägliche Meckern gehörte irgendwie dazu. Auf dem Friedhof verlor man sich gewöhnlich aus den Augen, und jeder schlurfte alleine und verdrießlich vor sich hinbrummend nach Hause.
Nach dem Abendessen sah man sich wieder im Rebstöckl, einer kleinen verschwiegenen Weinstube. Dort fühlten sie sich wohl. Sie hatten ihren eigenen gemütlichen Stammplatz, der in der kleinen Stadt ehrfurchtsvoll und zuweilen auch als ´Thron der fünf Gerechten´ bespöttelt wurde, und sie tranken aus eigenen Weinbechern. `Viehdoktor´ stand auf einem der Becher, ‘Notär´ auf einem anderen, dann ´Weinbauer´, ´Meier´ und ´Bürgermeister´ auf den übrigen. Dies waren ihre Namen, und so wollten sie angesprochen werden. Wehe, wenn jemand ´Herr Soundso´ oder gar ´Herr Doktor´ zu ihnen sagte! Dann gab es Ärger. Sie waren eben der Viehdoktor, der Notär, der Weinbauer, der Meier, der Bürgermeister, und so sollte es bleiben.
Überhaupt sollte alles so bleiben, wie es war. “Alte Bäume lassen sich nicht biegen”, pflegten sie zu sagen, und “der Mensch ist ein Gewohnheitstier”. Und ihre liebste Gewohnheit war der allabendliche Schoppen Wein, die Zigarre und das vertraute Gespräch über Gott und die Welt. So ließ es sich leben, denn “ein gutes Glas Wein hilft den Alten auf die Bein”.
Und doch gab es Tage, die nicht in diesen Rhythmus passten, Festtage zum Beispiel oder Familientage. Heute war einer dieser Tage, und noch schlimmer, er vereinte beides auf einmal: Es war Heiligabend. Wie jedes Jahr sahen die fünf Alten diesem Tag übellaunig und grollend entgegen. Weihnachten, für sie kein Anlass zur Freude. Eher eine Plage.
Um nicht mit ihren Gewohnheiten zu brechen, pflegten sie sich zu einem gemeinsamen Friedhofsbesuch zu treffen und an den Gräbern bei Kerzenlicht wehmütig von vergangenen Zeiten zu träumen. Und dann wollte man vor der Bescherung auf ein schnelles `Schöppchen´ im Rebstöckl zusammensitzen. Zwei kurze Stündlein. Das wenigstens musste möglich sein, und so hatten sie es auch jedes Jahr gehandhabt.
In diesem Jahr aber kam alles ganz anders. Es fing damit an, dass es in der Nacht leicht geschneit hatte, und das war sehr ungewöhnlich in der milden Weingegend. Auf Wegen und Dächern lag eine dünne Schneedecke, und die Weinberge mit den alten, verwachsenen Mandelbäumen erinnerten an ein Märchen aus Zuckerguss. Eine verträumte Weihnachtslandschaft, die trotz der düsteren Schneewolken am Himmel zum Spaziergang lockte. So kam es, dass ungewohnt viele Menschen den Weg zum Friedhof einschlugen, fort aus der Stadt mit ihrem ausklingenden, hektischen Einkaufsrummel in die Stille des Gottesackers, wie man den Friedhof hier nannte. Dort, unter den hohen Linden konnte man die ersehnte Ruhe finden, den alljährlich wiederkehrenden Vorweihnachtsstress abschütteln und langsam zur Besinnung kommen auf das bevorstehende Fest.
Die alten Herren waren dieses Jahr also nicht alleine mit ihren Erinnerungen, ein Umstand, der ihre ´Alle-Jahre-wieder-Laune´ noch tiefer sinken ließ. Zu viert standen sie am Kriegerdenkmal und warteten missmutig auf den Notär, der seinen sonstigen Gewohnheiten zum Trotz unpünktlich war.
“Jetzt geht der Rummel auch hier los!”, brummte der Viehdoktor ungnädig. Die ganze Zeit schon war er damit beschäftigt, sein Gesicht hinter dem großen Mantelkragen zu verbergen. Doch er war bekannt im Ort. Immer wieder musste er einen Gruß erwidern, den Hut lüften und eine freundliche ´Mir-geht-es-gut-Miene´ aufsetzen.
“Hat man nicht einmal mehr auf dem Gottesacker seine Ruhe?”, schimpfte er. Die anderen nickten. Auch sie fühlten sich unwohl.
Der Meier blickte zum x-ten Male den Weg hinunter. Wieder nichts. Unwillig stampfte er mit dem Fuß auf.
“Wo steckt dieser Notär nur?”, polterte er. “Lässt uns einfach warten!” “Eine Unverschämtheit bei dieser Kälte!” “Was kann man an einem Tag wie diesem auch anderes erwarten?”
Die vier waren sich einig: Wütend auf den Notär, auf den Tag und noch mehr auf sich selber nahmen sie jeden Anlass zum Meckern dankbar wahr. Und immer wieder schallte es “Frohe Weihnachten!” und “Ein glückliches Fest!” zu ihnen herüber.
Froh? Glücklich? Hmmm…! Wenn nur der Notär bald käme.
Es dauerte noch eine Weile, dann, endlich die wohlvertraute Gestalt am Eingang. Eilig humpelte der Notär auf sie zu, und schon von weitem war das rhythmische ´Klack, Klack´ seines Stockes zu hören. Aber -und das ließ die alten Herren vor Schreck fassungslos erstarren- er kam nicht alleine. Sie glaubten ihren Augen nicht zu trauen. Träumten sie oder brachte der Freund tatsächlich einen Störenfried mit? Entsetzlich! Und leider war es kein Traum!
Schimpfend zog der Notär ein kleines Mädchen hinter sich her. Man sah ihm an, dass er verärgert war.
“Läufst du wohl jetzt! Blamiere mich nicht so!”, knurrte er fortwährend das Kind an. “Los! Los! Beeilung!”
Sprachlos starrten die Alten ihm entgegen. Ihre Gesichter sprachen Bände, und insgeheim ging jeder mit dem Freund, diesem Judas, vor Gericht.
Endlich hatten die Ankömmlinge die kleine Gruppe erreicht.
“Da wären wir”, begrüßte der Notär seine Freunde ungewohnt heiter. Nur seine Augen flackerten unmerklich hinter den runden Brillengläsern. “Wartet ihr schon lange?”
Schweigen. Mit verschlossenen Mienen fixierten die Alten das Kind. Keiner wusste ein Wort zu sagen, doch es war ihnen anzusehen, wie unbehaglich sie sich fühlten. Am meisten schien der Notär zu leiden. Seine fröhliche Selbstsicherheit war wie weggeblasen. Mit gespielter Verzweiflung hob er die Arme und sah die Freunde bekümmert an. Sein Blick wanderte von einem zum anderen, dann zu dem Kind und wieder zurück. Verflixt! Was für ein Tag! Er wollte etwas sagen, doch er brachte kein Wort über die Lippen. Verzweifelt fuhr er über seine Stirn, auf der trotz der Kälte kleine Schweißtröpfchen klebten. “Ehem”, begann er schließlich mit einem tiefen Räuspern. “Nun, ich…”
Weiter kam er nicht, denn plötzlich lief dass Kind zum Viehdoktor, der am brummigsten blickte, und zog ihn am Ärmel.
“Heute kommt das Christkind”, erklärte es fröhlich. “Freust du dich auch so?”
“Hm!” Mehr wusste der Alte darauf nicht zu sagen. Er brummte etwas Unverständliches in seinen Kragen. Seine Augen aber blitzten den Freund an, wütend und hilflos zugleich.
Verlegen trat der Notär von einem Bein auf das andere.
“Das ist”, sagte er mit brüchiger Stimme, “meine Enkelin. Es tut mir leid, aber…”
Wieder wurde er unterbrochen. “Ich heiße Eva”, stellte sich das Kind vor, “und ich bin schon fast fünf Jahre alt.”
Vertrauensvoll reichte es seine kleine Hand zur Begrüßung, und die alten Herren erwiderten zögernd den Gruß. Noch immer sagte keiner ein Wort.
Eva blieb davon unbeeindruckt. Sie packte ihren Großvater an der Hand. “Wir besuchen jetzt die Omi und feiern mit ihr Weihnachten”, erklärte sie den Alten. “Und wir zünden ganz viele Kerzen an. Schön, nicht?”
Voll ungeduldiger Vorfreude zog sie den Notär mit sich fort.
“Kommt ihr?”, rief sie und blickte strahlend über die Schulter zurück.
Verdutzt setzten sich die Alten in Bewegegung und folgten den beiden. Eine stumme Prozession. Man hörte nur das Knirschen der Schritte im Schnee, ab und zu unterbrochen von dem fragenden Geplapper des Kindes. Hier und da verweilten sie stumm an einzelnen Gräbern, blicklos, die Augen zu Boden gerichtet. Keiner wagte den anderen anzusehen. Zu sehr war man mit sich selbst beschäftigt.
“Da wohnt die Omi!”, rief Eva plötzlich. Sie riss sich von der Hand des Notärs los und rannte zu dem alten Familiengrab. Dort beugte es sich über eine kleine Tanne, die mit roten Kerzen geschmückt war.
“Ich hab ein Geschenk für dich”, plapperte Eva feierlich. Sie zog einen klebrigen Schokoladestern aus ihrer Manteltasche und hängte ihn an den höchsten Zweig der Tanne.
“Du musst die Kerzen anzünden, Opa!”
Der Notär lächelte. “Ganz zu Diensten, gnädiges Fräulein!”, schnarrte er und zündete die Kerzen an.
Seine Freunde hatten sich inzwischen am Grab versammelt, jeder sichtlich bemüht, so zu tun, als sei er ganz unbeteiligt.
Die Kerzen brannten. Sie verbreiteten ein sanftes, warmes Licht in der stillen Weite der verschneiten Friedhofslandschaft. Kein Lüftchen regte sich. Kein Laut war zu hören. Eine feierliche Stille.
Andächtig und sichtlich ergriffen betrachteten die Alten die kleine Weihnachtstanne. Erinnerungen wurden wach. So viele Gedanken. So viele kleine Episoden, die sie längst für immer aus ihrem Gedächtnis verbannt hatten. Alles war wieder da: Vergessenes. Verdrängtes. verloren Geglaubtes. Ernst und aufs Tiefste berührt hingen sie ihren Gedanken nach, feierlich und stumm, und ihre harten, verschlossenen Mienen entspannten sich, wurden weicher.
Da begann dass Kind zu singen, leise, zögernd zuerst, dann mutiger und immer lauter: “Alle Jahre wieder kommt das Christuskind…”
Die alten Herren lauschten erstaunt, und ihre Blicke wanderten von einem zum anderen. Ein scheues Lächeln umspielte ihre Lippen.
Eva unterbrach ihr Singen. “Ihr müsst mitsingen!”, drängte sie.
Die Alten sahen sich an, fragend, doch dann begann einer, mutig und mit rostiger Stimme einen tiefen Bass zu brummen. Es klang so ungelenk und falsch, dass die anderen grinsen mussten.
Der Bann war gebrochen, und wie auf Kommando setzten alle zum Singen ein. Ein mehrstimmiger, brüchiger Chor, scheußlich anzuhören, aus dem eine neue, längst vergessene Freude schallend laut und froh herausklang. Es war Weihnachten geworden.

© Elke Bräunling

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