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Helfen kann so einfach sein

Ich beobachte meine Mutter und kann mir nicht erklären, was sie da tut. Besser gesagt: was der Sinn ihres Tuns ist.
Sie steht vor ihrem Kleiderschrank, nimmt ein Teil heraus, schaut es an und hängt es wieder weg oder wirft es auf den großen Stapel, der sich schon auf dem Bett türmt.
Dabei murmelt sie vor sich hin. „Das passt noch“ oder „Das kann ich keinem anbieten“ oder „Habe ich noch nie getragen“.
„Was machst du da, Mama?“
„Das siehst du doch, ich sortiere. Heute ist ja Dienstag!“
„Was hat der Dienstag damit zu tun?“, frage ich und wundere mich immer mehr.
„Kleiderkammer!“, antwortet sie und schiebt mich an die Seite. „Ich hole nur gerade eine Wanne aus dem Keller. Bin gleich wieder da.
Sie kommt mir einem riesigen Wäschekorb zurück, faltet die Sachen, die auf dem Bett liegen ordentlich und packt sie in die Wanne. Dann verkündet sie:
„Wir machen gleich in deinem Zimmer weiter. Wenn du willst, kannst du dort schon anfangen!“
„Ja, aber …“
„Kein Aber, sortiere die Kleidung aus, die dir nicht mehr passt, oder die du nicht mehr tragen wirst. Wir bringen die Sachen dann nachher zur Kleiderkammer.“
„Bekomme ich dann ein Eis?“
„Darüber können wir später reden, jetzt mach erstmal!“
Ich gehe also in mein Zimmer und mache es wie Mama. Ein Teil anschauen und dann entscheiden, ob ich es noch brauche. Als erstes fliegen die Kleider raus, die trage ich sowieso nicht gern. Dann folgen Hosen, die mir zu klein sind, T-Shirts und Pullis, aus denen ich rausgewachsen bin. Als Mama zu mir ins Zimmer kommt, hat sich ebenfalls ein Berg Kleidung auf dem Bett gestapelt.
„Prima, das ist doch schon einiges.“
Mama schaut die Sachen noch einmal durch und ist mit den meisten Stücken einverstanden.
„Mama, was macht die Kleiderkammer mit unseren Sachen?“, will ich wissen.
„Damit kleiden sie die Menschen ein, die gerade als Flüchtlinge in unser Land kommen, weil in ihren Ländern Krieg ist!“
„Gute Idee. Soll ich auch mal meinen Spielzeugschrank durchsuchen? Sicher sind auch Kinder dabei, oder?“
„Ja, das ist ein guter Gedanke, sicher freuen sich die Kinder über Spielsachen. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht!“
Am Ende des Nachmittags haben Mama und ich drei große Wannen gefüllt. Wir brauchen die Sachen wirklich nicht mehr und jemand anders wird sich drüber freuen. Aber ganz ehrlich, am meisten freue ich mich selbst darüber. Es ist schön, wenn man helfen kann und es ist eigentlich ganz einfach.
Wir fahren in die Stadt und geben die Sachen ab. Die Helfer in der Kleiderkammer freuen sich, ganz besonders beliebt sind auch die Kinderbücher, die ich abgebe.
„Sie helfen den Kindern dabei Deutsch zu lernen!“, verraten sie mir und ich beschließe, zu Hause noch einmal nachzuschauen, ob ich da noch mehr beisteuern kann.
Das Belohnungseis habe ich ganz vergessen. Mama aber nicht, sie steuert die Eisdiele an und ich darf mir drei Kugeln aussuchen.
„Zwei davon könnte ich abgeben!“, stelle ich fest, lasse es mir aber trotzdem schmecken.
Als ich am Abend im Bett liege, denke ich noch einmal nach, was ich sonst noch tun könnte, um den Menschen zu helfen, die in unser Land gekommen sind.
„Lieber Gott“, bete ich. „Beschütze alle Menschen in unserem Land, die, die zu uns gekommen sind und auch die, die den Krieg in ihren Heimatländern ertragen müssen – ja, besonders die!“

© Regina Meier zu Verl 2015