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Gina will Brot backen

Wenn meine Mutter traurig war, dann backte sie Brot. So oft habe ich ihr dabei zugesehen. Jeden Handgriff kannte ich. Deshalb war ich davon ĂŒberzeugt, dass ich, obwohl ich ja noch ein Kind war, es selbst genauso gut könnte wie Mama.
Eines Tages waren meine Eltern zu einer Feier am Abend eingeladen. Wir Kinder blieben zu Hause und da ich die Große war, sagte mein Vater: „Gina, du passt schön auf die Kleinen auf und wenn irgendetwas sein sollte, dann rufst du Tante Guste. Sie weiß, dass wir unterwegs sind.“
Tante Guste wohnte auf der gleichen Etage. Wir Kinder liebten sie wie eine Oma. Ein Telefon hatten wir noch nicht, aber wenn man ganz laut rief, konnte Tante Guste das hören und sie kam sofort, um nach uns zu schauen.
Ich fand es gut, dass meine Eltern mir zutrauten, auf die Geschwister aufzupassen. Beide schliefen schon und ich lag im Bett und las in meinem neuen Buch. ‚Goldlöckchens erste Reise‘ hieß es und war in Schreibschrift geschrieben. Spannend war das, denn Goldlöckchen war etwa so alt wie ich und sie reiste ganz allein durch die Welt.
Ich hatte schon eine Weile gelesen und war noch gar nicht mĂŒde. So kam es, dass ich mich der letzten Seite nĂ€herte und als der allerletzte Satz gelesen war, wurde ich so traurig, dass mir die TrĂ€nen kamen.
Ich weinte also still vor mich hin und dann fiel mir ein, dass ich ein Brot backen sollte, so wie Mama es tat, wenn sie traurig war. Das half ganz bestimmt.
Ich fand alles, was ich dazu brauchte in der KĂŒche, Hefe und Milch im KĂŒhlschrank, das Mehl in der großen Porzellandose, wo auch MEHL drauf stand. Salz brauchte ich noch und etwas Butter. Alle Zutaten stellte ich auf den Tisch und schob einen Stuhl davor, denn ich war noch zu klein, um einfach so vor dem Tisch zu stehen.
Ich schĂŒttete das Mehl auf das Backbrett, bohrte eine Mulde hinein und gab die Hefe und etwas Milch in die Vertiefung.
‚Jetzt muss ich den Teig kneten‘, dachte ich. so schwierig hatte ich mir das aber nicht vorgestellt. Alles war staubig und trocken. Wahrscheinlich fehlte etwas Milch. Schnell noch einen guten Schluck dazu, so wĂŒrde es schon gehen. Doch das half so gar nicht. Es wurde zwar etwas matschiger, aber nichts von diesem pampigen Zeug erinnerte an den wunderbaren Hefeteig von Mama. Ich wurde immer trauriger, zwischendurch auch mal etwas wĂŒtend und schließlich gab ich auf.
Gerade wollte ich vom Stuhl klettern, als ich ein merkwĂŒrdiges GerĂ€usch hörte. Ich war sicher, dass da jemand in der Wohnung war. Ich wagte nicht zu atmen und hielt mir vor Angst die Augen zu. Die GerĂ€usche wurden lauter und schließlich hörte ich eine Stimme:
„Gina, was machst du denn da bloß?“
Wie erleichtert ich war, Tante Gustes Stimme zu hören. Ich nahm die HĂ€nde von den Augen und im gleichen Moment wurde mir bewusst, was ich da angerichtet hatte in Mamas KĂŒche, die vorher so schön sauber und aufgerĂ€umt gewesen war.
Tante Guste schimpfte nicht, sie schimpfte nie und wusste fĂŒr jedes Problem eine Lösung. Sie half mir dabei, alles wieder aufzurĂ€umen, dann stellte sie mich in die Badewanne, denn Mehl, Milch und Hefe lĂ€sst sich nicht einfach aus den Haaren bĂŒrsten. Sie wusch meine Haare und brachte mich dann ins Bett.
Mama hat nie etwas davon erfahren. Glaube ich jedenfalls. Ich werde ihr mal diese Geschichte geben und schauen, ob das auch stimmt.

© Regina Meier zu Verl