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Da sind jene Tage, an denen die Grenzen ein kleines Bisschen offener sind als sonst.
Ich stehe irgendwo im Wald (buchstäblich und zweisinnig), lehne mich an den Stamm einer Birke, blicke ins Grün und sehe etwas ganz anderes. Etwas jenseits jener Grenze, die zwischen dem Heute und dem Gestern liegt.

Und dann höre ich die Stimme aus der anderen Zeit und sie erzählt mir von ihrer Welt … und ihrem Wald.
Willst du lauschen?
Ich habe es aufgeschrieben, was sie mir neulich unterwegs erzählt hat, jene Stimme.
Psssst!

„Meine schönsten Stunden verbrachte ich im kleinen Garten, der vom Gutspark durch Rosenhecken abgegrenzt, meinen Zaubergarten darstellte. Ich vermochte mir nie vorzustellen, dass es irgendwo einen schöneren Garten geben könnte. In seiner Mitte auf dem Rondell mit den hohen Fliederbüschen stand die ‚heilige Fremde‘, eine Statue aus rotem Buntsandstein. Gerade Wege führten von ihr sternenförmig an bunten Rabatten vorbei, in denen Nelken und Levkoien, Rittersporn, Dahlien, Margeriten, Lavendel, Stockrosen und Reseden blühten. Obstbäume folgten. Zauberzarte Blütenwolken im zartesten blassesten Rosa bildeten ihre Kronen im Frühling, von Bienen umsummt. Und weiter hinten der Rosenhain. Von dort durch eine enge Pforte der Durchgang zum weiten Park mit seinen hohen Kastanien, Birken, Buchen, Eichen und Kiefern, dem See und den unendlich scheinenden Grasflächen, die weit, ganz weit hinten allmählich in Wiesen und einen Birkenwald übergingen. Hier regierte die Natur. Ungelichtetes Unterholz füllte den Wald, Baumstämme sanken um, vermoderten. Wie große Kerzen standen die weißen Birken gegen das tiefe Dunkel der Kiefern, und unten dicht am Boden die Welt der Beeren, Pilze und Farne……

Siehst du ihn, den Garten, den Park, den Wald?
Ob ich dir mehr von meiner Zeit und meiner Welt erzählen soll?

Was ich zu erwähnen vergaß: Im Hain unter den Birken hat sich dein Urgroßvater, mein geliebter Sohn, im Jahre der Unruhen 1905 erschossen. Er ist nur 24 Jahre alt geworden…“

© Elke Bräunling