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Die Sache mit der Eifersucht

Auf den ersten Blick wirkt Karola Nüssing wie ein junges Mädchen. Ihre zierliche Figur betont sie mit hautengen Röhrenjeans und einem kurzen T-Shirt. Sie trägt Turnschuhe.
Neugierig mustern mich ihre großen, lebhaften Augen. Sie sagt kein Wort.
Ich weiß nicht, wie ich sie ansprechen soll. Ein kurzes Räuspern, dann endlich frage ich:
„Frau Nüssing, ich wohne ja hier nebenan und erwarte ein wichtiges Einschreiben. Leider habe ich aber einen Termin und kann nicht warten. Sind Sie so freundlich und nehmen das Schreiben für mich an? Ich habe Ihnen hier eine Vollmacht ausgestellt.“
Karola lächelt und nickt zustimmend.
„Klar, kein Ding!“, sagt sie und nimmt das Schriftstück entgegen.
„Ich komme dann nach meinem Termin und hole das Einschreiben ab, okay?“
„Ja, gern. Vielleicht können wir einen Kaffee zusammen trinken, schließlich sind wir Nachbarinnen!“, schlägt sie vor.
Eigentlich ist sie nett, denke ich, bedanke mich und verspreche bald zurück zu sein. Sie kann nicht wissen, dass ich den Brief als Vorwand genommen habe. Ich erwarte keine Post, ich wollte die Nüssing einfach nur mal aus der Nähe sehen. Ich habe ein Recht darauf, die Frau zu kennen, wegen der mich mein Mann verlassen wird. Wenn mein lieber Mann meint, ich lasse mir das einfach so gefallen, dann hat er mich unterschätzt.

Es ist ein verregneter Tag. Eine Weile laufe ich ziellos durch die Stadt und bin ratlos, was ich machen soll. Es macht mir keine Freude, die Schaufenster zu betrachten und in den Kaufhäusern fühle ich mich eingeengt. Ich möchte nichts kaufen, muss einfach nur zwei Stunden totschlagen. Ich entschließe mich, einen Kaffee zu trinken und steuere die Konditorei „Sahneschnittchen“ in der Altstadt an.
Ich setze mich an einen kleinen Tisch am Fenster und bestelle ein Kännchen Kaffee. Um mich herum herrscht ein reges Treiben. Ich fühle mich wie unter einer gläsernen Käseglocke, nehme wahr, was draußen passiert, bin aber nicht Teil dieser Gesellschaft. Ihre Unterhaltungen sind dumpf und prallen an mir ab.
Als mich ein älterer Herr anspricht und fragt, ob an meinem Tisch noch Platz sei, schrecke ich zusammen und stammle ein kurzes „Ja, bitte!“
‚Reiß dich zusammen, Tina!’, denke ich und versuche zu lächeln. Das nimmt der Mann als Aufforderung, ein Gespräch zu beginnen.
„Schade, dass es ausgerechnet heute regnet!“, sagt er.
„Hatten Sie etwas Besonderes vor?“, frage ich höflich, denn ich kann dieses ‚ausgerechnet heute’ nicht einfach ignorieren. Vielleicht bin ich auch nur neugierig.
Der Mann nickt und deutet mit dem Finger nach draußen.
„Da drüben ist das Amtsgericht, da habe ich später einen Termin!“
Aus seinem Gesicht verschwindet das Lächeln. Dann spricht er weiter:
„Meine Ehe wird heute geschieden, aber es soll kein Trauertag werden.“
Was sagt man in einer solchen Situation? Mein Magen zieht sich zusammen und schmerzt, so als läge ein dicker Erdklumpen darin. Werde ich auch eines Tages hier sitzen und meiner Ehe nachweinen?
„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht mit meinen Problemen belasten. Sie sind ganz blass geworden, geht es Ihnen nicht gut?“
Er winkt der Bedienung und bestellt ein Glas Wasser für mich, das die junge Frau umgehend bringt. Gehorsam trinke ich und fühle mich gleich besser.
„Danke“, hauche ich und versuche ein Lächeln. „Es geht schon wieder!“
Besorgt schaut mich der Mann an. Er schweigt aber jetzt und fast tut er mir leid. Sollte ich ihm nicht ein wenig Zuspruch geben, denn er ist es doch, der auf seine Scheidung wartet. Nicht ich!
Um überhaupt etwas zu sagen frage ich:
„Wann ist denn der Termin?“
Der Mann schaut auf die Uhr und antwortet:
„Ich habe noch fast eine Stunde Zeit.“
Mein Kaffee ist kalt geworden, angewidert verziehe ich das Gesicht und überlege, ob ich einen neuen bestellen soll. Doch das übernimmt mein Tischnachbar, wieder winkt er der Kellnerin und ordert einen neuen Kaffee für mich.
„Das ist nett, danke“, sage ich und freue mich über die Aufmerksamkeit.
„Gern, ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Sie aus der Fassung gebracht habe.“
„Ach nein, das müssen sie nicht haben. Es ist nur so …“, plötzlich stehen Tränen in meinen Augen. „Mein Mann betrügt mich“, vertraue ich dem, für mich wildfremden Mann an.
„Sind Sie sicher?“, fragt er.
Ich schweige. Bin ich wirklich sicher? Könnte es nicht sein, dass ich wieder etwas missverstanden habe, wie damals, als ich die Sekretärin meines Mannes in Verdacht hatte, dass sie etwas mit ihm hatte? Oder ganz am Anfang unserer Ehe – ich beschuldigte damals die Sprechstundenhilfe unseres Hausarztes, dass sie meinen Mann verführen wollte.
„Nein, ich bin nicht sicher, es ist so ein Gefühl. Ich bin sehr eifersüchtig“, erkläre ich und kaue nervös auf meiner Unterlippe.
„Dann sprechen Sie mit ihm. Machen sie nicht den gleichen Fehler wie ich!“
Erstaunt schaue ich ihn an. Seine Worte erinnern mich an die meines Therapeuten. Aber ich kann das nicht. Da ist meine Angst, dass er sagen könnte: Ja, Tina, so ist es, ich werde dich verlassen.
„Darf ich Ihnen meine Geschichte erzählen? Vielleicht hilft es Ihnen sogar!“, der Mann steht auf und verbeugt sich leicht: „Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, mein Name ist Georg Fahle!“
„Tina Hofstatt!“ Ich reiche ihm die Hand, er setzt sich wieder und beginnt zu erzählen.
„Ich bin seit zwanzig Jahren verheiratet. Seit drei Jahren leben wir aber getrennt. Ich habe meine Frau durch meine Eifersucht vertrieben. Immer wieder habe ich ihr haltlose Vorwürfe gemacht, sie hat mich, wie ich jetzt weiß, nicht ein einziges Mal betrogen. Dass es heute regnet, ist daher gar nicht so ungewöhnlich. Der Himmel weint über meine Unfähigkeit, sie einfach nur zu lieben und nicht besitzen zu wollen. Das ist krank, heute weiß ich das!“
„Das tut mir leid“, sage ich, bin aber in Gedanken schon wieder bei mir selbst. Ist das bei mir auch so? Will ich ihn besitzen und mit niemandem teilen? Ist das nicht normal, wenn man sich liebt?
„Es muss Ihnen nicht leid tun, ich habe es selbst verbockt. Ich hätte ihr Freiheiten lassen sollen, das zu tun, was sie möchte. Sie durfte nicht einmal allein ins Theater gehen, immer habe ich sie begleitet, auch wenn ich ein Kulturbanause bin und mich dort gelangweilt habe. Mein Leben bestand aus Arbeit und dem „Aufsieaufpassen“. Schön während der Arbeit malte ich mir aus, was sie machen würde zu Hause. Mit wem sie telefonierte, wen sie traf oder, ach … es war einfach schrecklich, was ich ihr angetan habe.“
Nachdenklich nippe ich an meinem Kaffee. Vielleicht sollte ich doch mit meinem Mann reden. Bisher hatten sich doch alle Verdächtigungen in Luft aufgelöst und er hatte mir meine Eifersuchtsanfälle ausnahmslos verziehen. Wie komme ich nur darauf, dass er etwas mit Karola Nüssing angefangen hat? Ich weiß es nicht mehr, seit wann dieser Gedanke in mir einen so großen Raum eingenommen hat. Ich muss mich davon lösen, unbedingt, denn sonst werde ich ihn verlieren.
„Reden Sie mit ihm!“, sagt Georg Fahle. Er reicht mir eine Visitenkarte.
„Wenn Sie reden möchten, rufen Sie mich an. Ich würde mich freuen“, sagt er und schaut erneut auf die Uhr.
„Ich muss jetzt los!“, sagt er und erhebt sich. „Ich wünsche Ihnen alles Gute!“ Er nimmt meine Hand und drückt sie fest.
„Danke!“, sage ich. „Ich wünsche Ihnen das auch und danke für das Gespräch, ich glaube, dass ich etwas gelernt habe daraus. Ich werde Sie anrufen, ganz bestimmt.“
Als er das Café verlässt, schaue ich ihm hinterher. Als er im Amtsgericht verschwindet, mache ich mich auf den Weg nach Hause.

Als ich vor der Tür von Karola Nüssing stehe, atme ich tief durch bevor ich den Klingelknopf betätige. Sie öffnet und schaut mich bedauernd an.
„Es ist keine Sendung gekommen!“ Sie tritt einen Schritt zur Seite und bittet mich in die Wohnung.
„Trinken wir Kaffee?“, fragt sie, doch ich schüttle den Kopf.
„Ich hatte schon genug Kaffee heute, aber ein Wasser würde ich nehmen!“
Wir setzen uns an den Tisch in ihrer gemütlich eingerichteten Küche.
Ein bunter Rosenstrauß prangt in einer dicken Glasvase.
„Sie sind herrlich, nicht wahr?“, fragt Karola und deutet auf den Strauß.
„Mein Mann hat sie gestern geschickt. Es sind nur noch vier Wochen, dann ist er endlich wieder bei mir!“
„Wo ist er denn?“, frage ich und schnuppere an den Rosen.
„Er ist in Schottland, seit drei Monaten schon, geschäftlich. Deshalb bin ich erstmal allein hier eingezogen. Er freut sich schon auf die neue Wohnung und ich kann es kaum erwarten, dass er nach Hause kommt.“ Sie reicht mir die Vollmacht. „Die brauche ich ja jetzt nicht mehr!“
„Nein, die brauchen wir jetzt nicht mehr!“ Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich sie belogen habe. Doch das sage ich ihr nicht, nehme mir aber vor, es wieder gut zu machen.
„Ich heiße übrigens Tina. Wollen wir Du sagen?“, frage ich und reiche ihr die Hand.
„Gern, Tina, ich bin die Karola!“

Am Abend überrasche ich meinen Mann mit seinem Lieblingsessen. Als wir später im Wohnzimmer sitzen und noch ein Glas Wein genießen, schlage ich ihm vor:
„Wir sollten die neue Nachbarin mal zu uns einladen. Sie ist seit Wochen allein, weil ihr Mann noch in Schottland ist.“
„Mach das!“, sagt mein Mann und nimmt einen Schluck Wein. „Woher weißt du das?“
„Ich war heute drüben bei ihr und wir haben uns nett unterhalten.“ Natürlich verschweige ich den wahren Grund für das Treffen – es war ja sowieso gelogen …

© Regina Meier zu Verl