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Musik muss man erleben

„Das Stück heißt Frühlingsreigen! Bei dir klingt das aber eher nach einem heftigen Eisregen!“
Valentin Wagner war schlecht gelaunt und Lena bekam das zu spüren. Dabei hatte sie die ganze Woche fleißig an dem Klavierstück geübt.
„Versuch es noch einmal, etwas zarter, wie ein Reigen eben. Stell dir tanzende Elfen vor, dann klappt es!“, schlug Valentin etwas versöhnlicher vor.
Doch Lena machte keine Anstalten, die Klaviertasten noch einmal zu berühren. Sie kämpfte mir den aufsteigenden Tränen. Dieser Blödmann! Merkte er denn gar nicht, wie sehr sie sich bemühte? Seinetwegen hatte sie Stunde um Stunde Tonleitern gespielt, rauf und runter und runter und rauf.
„Lena, ich meine das doch nicht böse. Rück mal ein Stück, ich spiele es dir noch einmal vor!“
Lena rutschte zur Seite. Valentin atmete tief durch, dann legte er die Hände auf die Tasten und spielte. Lena schloss die Augen und plötzlich sah sie die Elfen. Sie hielten sich an den Händen und tanzten zu der wunderbaren Musik. Sanft schlugen sie mit ihren Flügeln und ihre kleinen Füßchen berührten kaum den Boden. In ihren winzigen Gesichtern spiegelte sich die Freude an dem Tanz wider. Wie gern hätte Lena sich eingereiht in den Reigen der Elfen. Sie seufzte und die Tränen kullerten über ihre Wangen.
Valentin reichte ihr ein Taschentuch. Verwirrt tupfte Lena ihr Gesicht trocken und putzte sich dann geräuschvoll die Nase. Dann lächelte sie.
„Jetzt habe ich es verstanden!“,
Valentin machte Platz für seine Schülerin und Lena spielte den Frühlingsreigen noch einmal. Sie dachte an die zarten Wesen, die irgendwo im Zimmer nur auf die Musik gewartet hatten und tatsächlich, da waren sie wieder und sie tanzten zu Lenas Klavierspiel.
„Wunderbar!“, rief Valentin begeistert und klatschte in die Hände. „Genauso habe ich es gemeint!“
Der Zauber des Moments wurde durch einen durchdringenden Ton unterbrochen, es klingelte an der Wohnungstür. War die Stunde etwa schon zu Ende?
„Warte, ich bin gleich wieder bei dir!“ Valentin ging zur Tür und öffnete sie. Gleich darauf erklangen Stimmen.
„Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, Gesundheit und Frohsinn sei auch mit dabei!“, sangen die Stimmen.
„Kommt rein, Ihr Lieben! So eine schöne Geburtstagstorte habt ihr mitgebracht. Danke schön!“
Hinter Valentin betrat eine Schar von Menschen das Musikzimmer.
„Darf ich euch Lena vorstellen? Sie hat mir gerade das schönste Geburtstagsgeschenk von allen gemacht.“
Verlegen erhob sich Lena von der Klavierbank.
„Herzlichen Glückwunsch, lieber Valentin, ich wusste ja nicht …“
„Du konntest es ja nicht wissen und trotzdem hast du mich heute reich beschenkt, meine Liebe. Komm, hilf mir, den Tisch zu decken, ich lade dich ein mit uns zu feiern!“

© Regina Meier zu Verl