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Der alte Johann und die Weihnachtsbäume

Seinen Nachnamen kenne ich gar nicht. Wir nannten ihn alle nur „den alten Johann“. Als ich noch klein war, hatte ich ein bisschen Angst vor ihm. Sein Gesicht war verbittert und sah aus wie zerknauschte Pappe. Er trug stets Gummistiefel und einen grünen Arbeitskittel, in dessen Taschen er seine riesigen Hände steckte, wenn er mit jemandem sprach.
Ich konnte ihn nicht verstehen, denn er sprach Plattdeutsch und das sehr undeutlich. Meine Mutter bekam aber meist raus, was er wollte, wenn er sie mal ansprach.
Im Advent ging der alte Johann von Haus zu Haus und erbettelte ein paar gute Sachen, die er den Tieren im Wald bringen wollte. Er bat nicht für sich selbst, immer nur für die Tiere und die Bewohner im Dorf wussten das und gaben ihm Äpfel, Heu, Hafer und andere Leckereien, die der Johann dann in den Wald brachte.
Einmal haben Vater und ich ihn begleitet, am Tag vor Heiligabend war das. Ich werde niemals vergessen, wie das damals war. Es hatte geschneit und dick eingemummelt folgten wir dem alten Johann in den Wald. Vater trug ein Bündel Heu auf dem Rücken und einen Korb in der Hand, den Mutter mit Äpfeln und Nüssen gefüllt hatte. Der alte Johann trug einen großen Sack, den er sich über die Schulter geworfen hatte und ich hatte meinen Ranzen auf dem Rücken, in den meine Mutter und ich Päckchen mit Sonnenblumenkernen, Hirsekörnern und allerlei Samen gepackt hatten, für die Vögel.
Lange marschierten wir schweigend durch den Schnee, bis Johann stehenblieb und den Sack auf der Erde absetzte. Er packte ein paar schrumplige Äpfel aus, bohrte mit einem Schraubenzieher ein Loch hinein und zog einen Bindfaden durch das Loch. Dann verknotete er die Enden und hängte die so entstandene Weihnachtskugel an einen Tannenzweig. Ein Apfel nach dem anderen schmückte bald den Baum und viele weitere Bäume. Wie schön das aussah!
Das Heu verteilten wir an trockenen Stellen unter den Bäumen und die Samen und Nüsse streuten wir auf den Schnee. Dann breitete mein Vater eine Decke auf einem Baumstamm aus und wir tranken einen Becher heißen Tee.
„Hach, dat is wat Feines!“, schwärmte Johann und grinste von einem Ohr zum anderen. Dabei entblößte er sein Gebiss, das aus drei Zähnen bestand, die ein einsames Dasein in seinem Mund fristeten. Mutter hatte uns ein paar Butterbrote eingepackt, die wir mit gutem Appetit verspeisten. Mit jedem Bissen wurde Johann gesprächiger und von da an hatte ich auch gar keine Angst mehr vor ihm. In allem, was er uns erzählte, zeigte sich seine Liebe zu den Tieren und wer Tiere so sehr liebt, der muss ein gutes Herz haben.
Johann ist nun schon viele Jahre tot. Ich denke noch oft an ihn, besonders in der Adventszeit, denn dann gehe ich mit meinen Kindern in den Wald und wir schmücken die Bäume mit Äpfeln und Nüssen. Die Kinder lieben diese Tradition genau wie ich. Natürlich nehmen wir auch Tee mit und Plätzchen.
„Hach, dat is wat Feines!“, rufen die Kinder dann und bevor wir nach Hause gehen, stimmen wir gemeinsam ein Weihnachtslied an.
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter!“

© Regina Meier zu Verl