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Jan und der Wackelpudding

Meine Familie ist ein wenig anders, besonders Mama. Aber ich sollte uns zuerst einmal vorstellen, damit man sich ein Bild machen kann.
Also, da ist zunächst einmal Papa, unser Familienvorstand, wie er sich selbst gern nennt. Papa ist Lehrer an einer Berufsschule. Wenn er nach Hause kommt, dann hat er vom Lehren genug. Er lässt sich in seinen Sessel plumpsen und macht ein Schläfchen. Dabei dürfen wir ihn nicht stören, denn nach seinem Ruhestündchen ist er plötzlich kein Lehrer mehr, sondern einfach Papa. Das ist gut so. Er spielt mit mir und hat auch meist Lust, etwas zu unternehmen, wenn er nicht gerade Klassenarbeiten bewerten muss oder kurz vor den Zeugnissen steht.
Meine Schwester Lena ist gerade in der Pubertät. Das muss eine schlimme Krankheit sein, denn sie hat sich völlig verändert seitdem. Ab und zu ist sie ganz bunt im Gesicht, vor lauter Schminke, die sie über ihre Pickel schmiert. Grauslich sieht das aus. Mama sagt, dass ich sie einfach in Ruhe lassen soll, denn sie stehe im Moment neben sich, was immer das auch bedeuten soll.
Stundenlang liegt sie auf ihrem Bett und starrt das Telefon an und wehe, wenn ich mal etwas fragen möchte, dann braust sie auf und schreit und kreischt. Ich hatte den festen Vorsatz, sie einfach nicht mehr anzusprechen, manchmal vergesse ich das leider. Dann schaut sie mich an, als wolle sie mich auffressen.
Deshalb ziehe ich es vor, mit Olli zu spielen. Das ist unser Hund, eine putzige Promenadenmischung. Mama hat ihn aus dem Tierheim geholt. Aber das ist schon lange her, Olli ist praktisch schon ein Senior. Genau wie Opa, der auch bei uns wohnt. Opa erzählt mir Geschichten und die scheinen ihm nicht auszugehen. Ich mag besonders die Geschichten von früher, als Opa noch ein Junge war.
Jetzt komme ich zu Mama. Meine Mama kann man nicht beschreiben, man muss sie erleben. Deshalb erzähle ich am besten, was letzte Woche bei uns passiert ist. Dann merkt ihr selbst, was bei uns so abgeht.
Ich hatte Wandertag in der Schule, den ganzen Tag. Papa war wegen der Zeugniskonferenzen ebenfalls den ganzen Tag außer Haus und Opa besuchte einen alten Freund. Sie wollten zusammen Karten spielen. Lena hatte sich nach der Schule mit Jan verabredet, sie wollten sicher wieder knutschen.
Mama war also allein zu Haus und sie tat das, was sie am allerliebsten tut, wenn keiner da ist, sie räumt um. Wir kennen das schon. Küche und Esszimmer gefielen ihr nicht mehr. Da musste eine Veränderung her. Sie hat also kurzerhand das Esszimmer ausgeräumt und die Wände grün gestrichen. An den Fenstern wurden grün-gelbe Gardinen angebracht und die neuen Stuhlkissen strahlten in frischem Gelb. Da die Küche offen ist zum Esszimmer hin, wurden auch hier die Wände grün gestrichen und alle Dekorationen ausgetauscht. Sie muss sich dabei ganz schön angestrengt haben, denn sie sah aus wie ein gerupftes Huhn, als ich nach Hause kam.
„Ich habe eine Überraschung, Jan!“, rief sie, als ich die Haustür öffnete. „Was ist es denn?“, fragte ich neugierig.
„Waldmeister-Wackelpudding, der passt so schön zur neuen Küchendeko!“, stolz präsentierte sie mir ihr Werk und ich staunte Bauklötze. „Na, wie findest du es?“
„Klasse, Mama. Ich weiß zwar nicht, ob es Papas Geschmack ist, aber ich bin begeistert!“, lobte ich sie und meinte es auch ganz ehrlich. Natürlich freute ich mich auch auf den Pudding, der im Moment noch als Dekoration auf dem Tisch stand.
„Im Kühlschrank steht eine Extraportion für dich“, verkündete Mama. „Ich zieh mich schnell um, bevor Papa kommt!“ Sie verschwand in der oberen Etage und ich machte mich über den Pudding her. Ich liebe Waldmeister-Geschmack, aber ich finde, dass Mama ruhig noch ein paar gelbe Tupfen an die Wand machen könnte, dann wäre alles stilecht, wegen der Vanillesoße, die für mich unbedingt dazu gehört.
Lena hat von all dem nichts mitbekommen, die verschwand nämlich heulend in ihrem Zimmer. Papa, der meine Mama wirklich liebt, hat das Grün einfach nur phänomenal gefunden und Opa hat sich wohl nicht getraut, seine Meinung dazu zu sagen. Er ist ja froh, dass er uns hat, da kommt es nicht auf die Farbe an, nicht wahr?

© Regina Meier zu Verl