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Hannes, Piet und der Schmetterling 

„Der Wind trägt die Melodie über das Wasser. Lausche, dann wirst auch du sie hören und sie wird dich verzaubern.“

Der alte Leuchtturmwärter klappte leise das Buch zu. Dann schloss er die Augen und lauschte. Die Kinder waren ganz still, wagten kaum zu atmen. Sie saßen zu Füßen des alten Mannes, der seinen Platz auf der Bank vor dem Leuchtturm hatte. Wann immer sie konnten, kamen sie hierher, denn der alte Piet hatte immer eine Geschichte für sie. Manchmal erzählte er frei, dann wieder las er aus seinem dicken Geschichtenbuch vor.

Hannes hatte verzückt gelauscht. Er hätte die Melodie nachsingen können, so deutlich hatte er sie wahrgenommen. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Vorsichtig sah auf die Uhr und erschrak. Er räusperte sich und flüsterte dann:

„Entschuldigung, ich muss jetzt gehen, meine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen.“

„Geh  nur, Junge. Und wenn du magst, dann komm wieder her, ich habe noch viele Geschichten.“ Piet lächelte, er liebte Kinder sehr, sie waren so gute Zuhörer und sie glaubten noch an die kleinen und großen Wunder, von denen seine Erzählungen handelten.

Hannes betrat die Ferienwohnung.

„Ich bin wieder da!“, rief er. Die Eltern hatten es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht.

„Das ist schön, Hannes. Du hast ganz rote Wangen, die frische Luft hier am Meer tut dir sehr gut, nicht wahr?“ Sie streichelte Hannes’ Wangen und drückte ihm dann einen dicken Kuss auf die Stirn.

„Hast du Hunger?“

„Nein, Mama, ich habe keinen Hunger, aber eine große Bitte habe ich!“

„Dann lass mal hören.“

„Ich möchte lernen Geige zu spielen.“

Hannes Vater legte die Zeitung zur Seite, in der er bis eben gelesen hatte. Er sah seinen Sohn erstaunt an.

„Wie kommst du darauf? Du hast doch zu Hause schon ein Klavier, das du kaum beachtest. Genügt das nicht?“

Hannes überlegte einen Moment, bevor er versuchte, seinen Eltern zu erklären, warum er unbedingt Geige spielen wollte.

„Piet hat uns heute die Geschichte von der Melodie erzählt, die über das Wasser schwebt. Sie klang so wunderbar, ich habe sie gehört und ich werde nie wieder vergessen, wie schön das war.“

„Ach Junge, du fantasierst. Melodien schweben nicht über das Wasser, sicher hatte Piet einen CD-Spieler oder so was“, meinte Mama und Papa nickte bekräftigend mit dem Kopf.

„Nein, wir saßen alle draußen am Leuchtturm. Natürlich weiß ich, dass es nur eine Geschichte war, aber dann … ich habe sie gehört, die Melodie und der Piet hat vorher gesagt, dass man so schön nur spielen kann, wenn man den Geigenbogen so sanft führt, dass ein Schmetterling darauf sitzen bleibt, ohne sich gestört zu fühlen.“

„Aha?“

„Ja, und als ich die Musik gehört hatte, flog ein Schmetterling direkt vor meiner Nase hoch zur Spitze des Turms, da habe ich gewusst, dass ich auch Geige spielen möchte!“

„Wir werden sehen!“, sagte Papa und nahm wieder die Zeitung zur Hand.

„Ich werde jeden Tag spielen und ich werde euch beweisen, dass ich das kann!“, bettelte Hannes und das tat er auch am nächsten Tag und am übernächsten …

Zu seinem Geburtstag bekam er dann eine Geige und schon ein paar Tage später durfte er zu einem Geigenlehrer gehen. Hannes war glücklich.

Als die Familie im nächsten Jahr wieder Ferien auf der Insel machte, nahm Hannes seine Geige mit. Er ging zum Leuchtturm und besuchte den alten Piet.

Er spielte die Melodie, die er damals gehört hatte, in Piets Augen glitzerten Tränen.

„Spiel noch einmal!“, bat er.

Hannes setzte den Bogen erneut an und schloss die Augen. Er spielte so wunderbar und es war schade, dass er nicht sehen konnte, dass sich ein Schmetterling auf den Bogen setzte.

Aber der Piet, der hat es gesehen – großes Ehrenwort!

© Regina Meier zu Verl

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