Schlagwörter

, , , , , , ,

Der Hanswurst
Gespräche auf der Parkbank

„So langsam geht mir dieser eitle Narr gehörig auf die Nerven.“
Paul Müller deutete auf den hageren, nicht besonders groß gewachsenen Herrn, der gerade vor der Bank mit zwei älteren Damen Halt machte. Er zog den Hut, der die gleiche hellbeige Farbe hatte wie sein Jackett, und verneigte sich mit einer gekonnten Verbeugung.
Sehr galant sah es aus und galant schien er auch auf die beiden Damen zu wirken. Sie erwiderten seinen Gruß, lächelten, ließen sich auf ein Gespräch mit ihm ein. Aus der Ferne klang es bald fast, als kicherten sie wie aufgeregte Teenager.
Sein Freund, Peter Maier, nickte. „Ich beobachte diesen alten Knaben schon seit Tagen. Er knackt selbst die härtesten Nüsse.“ Seine Miene verdüsterte sich. „Zu gerne würde ich wissen, wie es ihm gelungen ist, sich bei dem Damenduo dort drüben Gehör zu verschaffen.“
„Besonders gut sieht er nicht aus. Und auch nicht gerade interessant“, stellte Paul Müller nach einer weiteren Musterung des Fremden fest.
Beide Männer blickten dumpf zu den Damen, die allgemein als die ‚eisernen Ladies‘ bekannt waren, und jenem Fremden hinüber. Der hatte inzwischen auf der Bank Platz genommen und plauderte angeregt mit den Damen, die sonst jedes Gespräch mit einem männlichen Wesen kategorisch abgelehnten.
„Er ist ein Wunderknabe“, murmelte Paul Müller und sein Freund brummte ein „Ich begreife es nicht“ vor sich hin.
Sie grübelten noch lange und am Abend musterten sie sich länger als sonst vor dem Spiegel. Was hatte dieser Narr, was sie nicht hatten?
Die Antwort auf diese Frage blieb offen, und da beide von offenen Fragen nichts hielten, gingen sie am nächsten Tag zum Angriff über, das heißt, sie luden den Fremden ein, auf ihrer Bank Platz zu nehmen.
Der schien sich ehrlich über ihre Bitte zu freuen. Er zog den Hut, verbeugte sich.
„Wurst“, stellte er sich vor. „Hans Wurst.“
Die Freunde wussten nicht, ob sie lachen oder ihre Verärgerung offen zeigen sollten. Sprachlos fast starrten sie diesen Komiker, diesen verrückten Hanswurst, an.
Der grinste. „Ja ja“, sagte er. „Der Name ist kein Witz. Er ist echt, und ein Leben lang habe ich an jener törichten Laune, die meine Eltern damals zu dieser Namensgebung bewogen hatte, gelitten. Das können Sie mir glauben.“ Er grinste wieder. „Aber jetzt, ja, jetzt im Alter öffnet er mir alle Türen. Oder würden Sie keine Hemmungen haben, einem Hanswurst ein Gespräch und ein Lächeln zu verweigern?“

© Elke Bräunling

1pro domo - aquarell2

Weitere Gespräche auf der Parkbank:

Zu alt?
Herr Müller und Herr Maier
Der Hanswurst
Rücksichten
Der Fußball, die Liebe und die bunten Erinnerungen
Die blaue SchleifeDie blaue Schleife
Frau Berger lächelt
Himmel und Hölle
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Das Herz im Park