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Maria hatte immer Hunger. Sie war eine zierliche Person und ich wunderte mich oft, wo diese Mengen an Essen blieben. Man sah es ihr nicht an, dass sie ein so guter Futterverwerter war. Sie bevorzugte alles, was sie mit einem großen Löffel vom Teller schaufeln konnte. Also kochte ich abwechslungsreiche Eintopfgerichte, mundgerecht.

Bei der Zubereitung half sie gern. Am liebsten schĂ€lte sie die Kartoffeln in kleine WĂŒrfel. Ich musste aufpassen, dass sie in ihrem Eifer nicht zu viele Kartoffeln verarbeitete, denn sie hatte ja immer fĂŒr eine große Familie gekocht und hatte nun das Maß verloren.

An dem Tag, von dem ich heute erzĂ€hle, gab es Bohneneintopf mit frischem SuppengemĂŒse aus dem Garten und herrlich duftendem Bohnenkraut. Um Maria eine Freude zu machen, hatte ich HĂ€hnchenfleisch mitgebracht, das ich in Pfanne in kleinen StĂŒckchen angebraten hatte. Kurz bevor der Eintopf fertig war, legte ich das Fleisch mit in den Topf und schloss den Deckel, damit es noch eine Weile durchziehen konnte. Dann schlug ich Maria vor, noch einen kleinen Rundgang durch den Garten zu machen.

„Nee, das mach du mal allein, ich bin heute schon so viel herummarschiert, ich will mich ausruhen!“, sagte sie und ließ sich auch nicht umstimmen.

„Na gut, dann mache ich noch schnell die Betten, danach können wir dann essen!“ Ich ging ins Schlafzimmer und brauchte ungefĂ€hr zehn Minuten.

Als ich in die KĂŒche zurĂŒckkam, stand Maria vorm Herd, den großen Löffel, den sie in der Hand hatte, warf sie mit einem Schwung in die SpĂŒle, die drei SchrĂ€nke weiter stand. Dann drehte sie auf dem Absatz um und rannte zu ihrem Platz auf der Eckbank.

„Ich war das nicht!“, behauptete sie, dabei hatte ich noch gar nichts gesagt. War ja auch nicht schlimm, sie durfte probieren, so viel sie wollte.

Angestrengt schaute sie anschließend auf ihre HĂ€nde, so als gĂ€be es da etwas Wichtiges zu sehen. Sie fĂŒhlte sich ertappt und ich musste innerlich grinsen. Wie ein kleines Kind, das etwas Schlimmes gemacht hat benahm sie sich.

„Können wir jetzt endlich essen?“, fragte sie nach einer kurzen Schweigeminute.

„Klar!“ Ich holte die Suppenkelle, stellte einen Untersetzer auf den Tisch und wollte ihr den Teller fĂŒllen. Ich staunte nicht schlecht, als ich im Topf nicht ein einziges StĂŒckchen Fleisch mehr vorfand. Es waren drei HĂ€hnchenschnitzel drin gewesen, vor zehn Minuten noch. Maria hatte sie verputzt ohne mit der Wimper zu zucken.

Als sie das Gebet gesprochen hatte und wir uns einen guten Appetit wĂŒnschten, schaute sie irritiert auf den Teller und sagte: „Kind, in einen Eintopf gehört ein gutes StĂŒck Fleisch, denk nĂ€chstes Mal dran. Ich esse am liebsten GeflĂŒgel!“

Ich konnte mich nun nicht mehr zusammenreißen und lachte lauthals los. Maria lachte mit.

„Ist doch nicht so schlimm!“, tröstete sie mich. „Das lernste auch noch!“

(c) Regina Meier zu Verl