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Maria sitzt in ihrem Fernsehsessel, sie hat die Füße hochgelegt und schaut verträumt aus dem Fenster. Nach dem Frühstück ruht sie sich ein wenig aus, während ich ihr Bett mache, das Bad putze und die Küche auf Vordermann bringe.

Manchmal liest sie in alten Liebesromanheften. Heute nicht, sie träumt.

„Regina! Kannst du mal schnell kommen?“, ruft sie und ich eile zu ihr.

„Sett di man hin“, ordnet sie an. „Ick will ye wat vertellen!“ (Setz dich hin, ich will dir was erzählen.)

Dann folgt die Geschichte von der falschen Braut, die ich nur ein einziges Mal zu Gehör bekommen habe und die ich nun nacherzähle. Dabei habe ich versucht, den Originalton von Maria beizubehalten.

Die falsche Braut

Bei Schusters auf dem Hof lebte die Hanna, ein hübsches Mädchen. Sie sollte den Josef heiraten, das war schon klar. Aber die beiden sollten sich Zeit lassen, denn die Hanna war man erst siebzehn Jahre alt. Ihre Mutter zeigte ihr alles, was ein Mädchen, das bald heiraten will, so wissen muss. Durcheinander kochen, das war das Wichtigste, denn wenn die Mannsluie vom Acker kommen, dann haben sie Schmacht bis unter die Arme. Durcheinander sagt man hier übrigens für ein Eintopfgericht, also Gemüse, Kartoffeln, Brühe, Fleisch, Mettwürstchen – alles durcheinander.

Die Hanna und der Josef hatten sich bereits so lieb, dass es eines Tages ans Licht kam, dass sie nun gar nicht mehr voneinander gelassen hatten und selbst das Bett geteilt hatten, was nicht ohne Folgen blieb. Junge, Junge, war das eine Aufregung und natürlich durfte keiner was davon wissen, nicht einmal der Pastor, der ganz besonders nicht, wegen der Sünde, weißte?

Jetzt war das aber so, dass das mit der Organisation von Festen gar nicht so einfach war, alles musste gut vorbereitet werden und es vergingen Wochen und Monate. Dann stand der Hochzeitstermin fest. Das Brautkleid wurde so genäht, dass der bereits ansehnliche Bauch der Braut kaschiert wurde und es sollte ein extra großer Brautstrauß gebunden werden, den könne sich die Hanna dann vor den Bauch halten, damit keiner was merkt. Als wenn wir alle blöde gewesen wären, kannst dir sowas heute noch vorstellen?

Dann kam aber alles ganz anders. Pass auf!

Am Morgen der Hochzeit, früher musste man ja um sechs Uhr in die Kirche und der ganze Tag war dann Hochzeitstag, von morgens bis abends, also an diesem Morgen fühlte sich Hanna plötzlich ganz usselig. Sie sah auch völlig klaterich aus. Und, was soll ich dir sagen, es ging los, die Geburt meine ich. Junge, Junge, Junge, das war der Hammer. Alles war bestellt, das Essen, die Kapelle, die Kutsche und die Gäste kamen von überall her. Das konnte man nicht so einfach absagen, das ging nicht.

Und weißte, was sie gemacht haben, das hat die Welt noch nicht gesehen. Sie haben einfach die Schwester von dat Hannken ins Hochzeitskleid gesteckt. Der Geistliche hat das gar nicht gemerkt und man hat einfach die Hochzeit ohne Hanna gefeiert. Die lag nämlich derweil in den Wehen und als am Morgen alle völlig angeschickert waren, da hatte sie einen Sohn geboren. Junge, Junge, Junge, war das eine Freude.

Die Hebamme hat damals gesagt, dass sie so eine schöne Geburt noch nie erlebt habe. Das Essen sei sowas von prima gewesen und dann die Hochzeitstorte und die wunderbare Musik von Försters Heini seinen Vadder und seine Jungs.

Der Sohn von Hanna und Josef wurde nach dem Pastor benannt, damit wollte man das schlechte Gewissen ein wenig beruhigen.

Maria lächelt, sie ist ganz erschöpft vom Erzählen. Sie legt den Kopf zur Seite und hält ein Nickerchen – und ich setze mich an den Küchentisch und mache mir ein paar Notizen. damit ich diese herrliche Geschichte nicht vergesse.

Ja, ich denke noch oft an Maria.

(c) Regina Meier zu Verl