Schlagwörter

, , , , ,

Steinhorster Becken
Ein Herbstspaziergang

Ein herrlicher Tag, endlich ist er doch noch gekommen, der goldene Oktober. Ich habe nicht erwartet, dass so viele Leute das gleiche Ziel haben wie wir. Aber in der Weite des Steinhorster Beckens verlieren sich die vielen Menschen, die frische Luft und die letzten warmen Sonnenstrahlen tanken wollen.
Wir finden einen Platz für den Wagen und machen uns auf den Weg, das Becken, ein Naturschutzgebiet, zu umrunden. Sobald man ein paar Meter von der Straße weg ist, glaubt man, in einer anderen Welt zu sein. Wildgänse flattern über uns hinweg, Schwäne ruhen auf dem Wasser. Uns begeistert die Atmosphäre, die Stille an einem Ort, der doch mitten in der Zivilisation liegt.
Wiesen, die nicht von Menschenhand verändert wurden, halten unsere Blicke fest. Scharfgarbe in gelb und weiß, Nachtnelken, Moose verschiedener Arten. Unberührte Natur ohne McDonalds Müll und Zigarettenkippen. Es ist einfach nur schön.
Mit jedem Schritt wird der Kopf klarer, wir reden kaum. Nur ab und zu ein: „Ist das nicht schön?“ verlässt unsere Lippen.
Wir sind beide nicht besonders frohgelaunt losgefahren, mit jedem Meter, den wir zurücklegen, steigert sich unsere Stimmung. Die Probleme bleiben hinter uns zurück. Wir atmen den Geruch des Herbstes ein, den Duft des Laubes, unbeschreiblich, ein wenig modrig, faulig, dumpf und feucht und doch wieder frisch, vermischt mit der Erde, die noch von der Sonne erwärmt wird.
„Sind das Graugänse?“, frage ich, als sich eine Schar von Vögeln von einer kleinen Insel in die Lüfte schwingt. Angelika nickt: „Das könnte sein. Schade, dass wir das Fernglas nicht mitgenommen haben!“
Andere Spaziergänger sind mit Feldstechern ausgerüstet, sie bleiben immer wieder stehen und schauen. Wir beschließen, bald noch einmal hierher zu kommen, dann mit Fernglas. Heute hat Angelika den Fotoapparat mitgenommen. Beinahe erscheint es uns unsinnig, diese Schönheit festhalten zu wollen. Doch anhand eines Fotos wird man sich noch besser an den Tag erinnern können. Vielleicht kann man auch malen, was man gesehen hat. Darüber schreiben, es beschreiben, doch niemals wird man festhalten können, was wir beide empfanden.
Ich ahne, was Goethe gemeint hat, als er sagte: Man muss sich mit der Natur verbinden. Natürlich hat er andere Worte dafür gefunden, doch ich empfinde die Wurzeln, die er beschrieben hat. Und diese Farben, die sich uns erschließen. Kein Maler kann sie schöner malen, kein Dichter beschreiben – es ist einfach nur traumhaft schön.
Der Himmel ist blau, am Horizont ahnt man die ersten Ausläufer des Sauerlandes. Es möge mir der Ortskundige verzeihen, wenn es nicht so ist. In diesem Moment sehe ich Berge, die nicht da sind, oder doch?
Angelika und ich stoßen an eine Grenze, diesmal von Menschenhand geschaffen. Es ist ein Tor, das uns den weiteren Weg versperrt. Wir sind unschlüssig, ob wir den Ausläufer des Weges nach rechts beschreiten sollen. Wir wissen nicht, wie weit es noch sein wird, bis wir dann unseren Ausgangspunkt wieder erreichen werden. Unschlüssig lassen wir uns an einem sonnigen Plätzchen nieder, um erst einmal die Aussicht auf die vielen kleinen Becken zu genießen. Auf einer Tafel lesen wir später, dass das Steinhorster Becken durch ein Auffangbecken der Ems entstanden ist. Zum Schutz vor Hochwasser hat man die Ems gestaut und aus dem überlaufenden Wasser haben sich die vielen kleinen Seen gebildet. So entstand im Laufe der Jahre ein Gebiet, in dem sich seltene Vogel und Insektenarten neu ansiedelten. Aber auch die Flora fand einen neuen Ort, um vergessen geglaubten Pflanzen wieder einen Nährboden zu geben. Kopfweiden, die liebevoll gepflegt Nistplätze für Käuzchen und Eulen, aber auch für diverse Käferarten bieten, säumen die Becken. Wunderschöne Eichen, Buchen, Ebereschen und Ahorn passen sich in das Landschaftsbild ein.
Wir prägen einen Namen „Schleswig-Westfalen“ und müssen lachen. Wie lange haben wir nicht so befreit gelacht. Vielleicht war es, als wir andächtig unter der Lutter-Linde in Bad Gandersheim saßen und ebenfalls die Wunder der Natur empfunden haben.
Während wir auf meiner Jacke sitzen, kommt hinter uns ein Auto angefahren. Wir schauen uns verärgert an. „Wie kann man nur?“
Ein älteres Paar steigt aus, sie elegant mit chicen Stiefeln und Lodenrock, frisiert und geschminkt. „Hoffentlich macht sie sich ihre schönen neuen Stiefel nicht dreckig!“, denke ich. Er in beigen Hosen mit Schirmmütze, beide tragen teure Brillen, ebenfalls haben beide ein Fernglas umhängen. Sie rütteln am Tor und unterhalten sich laut darüber, dass es ja hier gar nicht weitergeht.
„Auch schon gemerkt!“, stellt Angelika fest. Wir grinsen, noch sind wir gut gelaunt. Die beiden wollen anscheinend nicht laufen, sie quatschen rücksichtslos laut hinter uns herum und laufen von rechts nach links, als erwarten sie, dass sich dadurch das Tor öffnet.
„Friedrich, drück doch mal auf den Knopf!“
„Auf welchen Knopf denn, Hedi?“
„Na, auf den Knopf, der das Auto öffnet, wie damals bei unserem Corsa.“
„Du meinst die Schließautomatik. Hedilein, hast du denn noch gar nicht gemerkt, dass der neue Wagen das nicht hat?“
„Ach? Wirklich? Nein, habe ich noch nicht gemerkt. Dann gib mir den Schlüssel. Ich möchte die Landkarte holen.“
„Meinst du, dass auf der Karte steht, wie wir dieses Tor öffnen können?“
„Nein, aber ich verstehe einfach nicht … damals konnte man da durch!“

Angelika und ich reden nicht mehr. Sie zwingen uns zuzuhören, sind so penetrant laut und bemerken gar nicht, dass sie uns stören. Das Paradies, das sich uns erschlossen hat, wird durch diese zwei Menschen erheblich kleiner.
Es wird allmählich kälter, wir beschließen zu gehen, doch wir kommen nicht dazu, denn Friedrich und Hedi setzen sich nun ins Auto und lassen den Motor an. Aber anstatt abzufahren, bleiben sie sitzen, damit die Heizung des Wagens schneller auf Touren kommt, tritt Friedrich in regelmäßigen Abständen aufs Gas.
Ich bin soweit, dass ich aufstehen möchte, um den beiden ein paar Ungehörigkeiten um die Ohren zu hauen. Angelika ebenfalls, ich sehe es ihrem Gesicht an.
Nach geschlagenen zehn Minuten fahren die beiden endlich ab. Wir machen uns auch auf den Weg, nach ein paar hundert Metern haben wir das rücksichtslose Paar vergessen. Wir freuen uns jetzt auf eine Tasse Kaffee bei Kerzenlicht und haben uns den Tag nicht verderben lassen.

© Regina Meier zu Verl

Foto © Regina Meier zu Verl