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Don Danielo erzählt – Ein Pferd in Rente

Man sagt mir nach, ich sei mit den Jahren sanftmütig geworden. Klar, was soll ich denn machen? Meine müden Knochen halten mich davon ab, aufbrausend in die Höhe zu fahren. Ich bin ja schon froh, dass die Gelenke nicht knirschen. Vielleicht ist aber mein Gehör so schlecht geworden, dass ich es nicht einmal mitbekommen würde, wenn etwas knirscht oder knackt.
Dabei war ich in meinen besten Jahren ein echter Feger, ein Rennbahnfeger. Lange war ich die Nummer Eins. Ja, ja, das war ich, ein ganzer Kerl eben. Nach jedem Sieg schmückte man meinen Hals mit einem Lorbeerkranz und ich drehte, zwar durstig und müde aber doch voller Stolz, eine Ehrenrunde im Stadion.
In der ersten Zeit rieb mich der Stallbursche nach jedem Rennen trocken und klopfte mir anerkennend den Hals. Später konnte mein Besitzer ein Solarium für mich anschaffen, denn ich habe ihm viel Geld eingebracht.
Es ging mir gut. Stets hatte ich ausreichend Futter und man pflegte mich mit Hingabe. Das konnte ich auch erwarten, schließlich war ich das beste Pferd im Stall.
Dann kam dieser blöde Unfall. Bei einem Rennen raste mir eine heißblütige junge Schimmelstute in die Seite. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Ich jedenfalls war schwer verletzt. Trotz der Operation erholte sich mein linkes Vorderbein nicht mehr. Hätte es meine Lisa nicht gegeben, wäre ich wohl „in der Wurst“ gelandet, wie mein damaliger Besitzer völlig unsensibel verkündete.
Lisa hat mich gerettet, seitdem lebe ich auf dem Bauernhof ihrer Eltern. Ich bin zufrieden, es fehlt mir an nichts, denn Lisa kümmert sich rührend um mich. Manchmal bringt sie mir ein Stückchen Würfelzucker, dann könnte ich sie vor Freude küssen. Das will sie aber nicht.
„Igitt, du altes Ferkel!“, ruft sie dann und ich wiehere vor Lachen.
Sie meint es ja nicht so, mit einem Ferkel habe ich nun wirklich keine Ähnlichkeit. Mein braunes Fell glänzt in der Sonne und meine Mähne darf ich heutzutage offen tragen.
Vielleicht ist Lisa auch nur vorsichtig, weil der Jan sonst eifersüchtig werden könnte. Lisa ist nämlich nicht nur in mich, sondern auch in den Jan verschossen.
Soll sie ruhig, ich habe mein Leben gelebt und bin dankbar für das Gnadenbrot, das man mir gewährt.
Irgendwann, wenn ich im Pferdehimmel bin, werde ich nach meiner hübschen Unfallgegnerin Ausschau halten. Sie ist mir noch was schuldig.

© Regina Meier zu Verl