Glück in Dosen

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Im Magazin CARL auch als Hörgeschichte

 

Glück in Dosen

Meine Nichte Saskia war eine Sammlerin. Viele Dinge hatten sich im Laufe der Zeit angesammelt und jedes Ding hatte einen Platz in ihrem Zimmer bekommen. Wenn man Saskia fragte, welcher von all ihren Schätzen denn am wichtigsten sei, dann musste sie nicht lange überlegen.
„Das ist die Dose mit den Glücksmomenten!“, antwortete sie und ein strahlendes Lächeln bewies, dass genau diese Dose es war, die das Mädchen glücklich machte. „Welche ist es denn?“, fragte ich sie einmal, denn überall im Zimmer standen bunte Blechdosen herum, große und kleine.
„Es ist diese hier!“ Saskia holte eine große Dose aus ihrem Bücherregal und hielt sie mir hin. „Schau!“ Ein wenig verbeult war sie und kunterbunt, ein wenig rostig schon am Boden aber doch wunderschön. Bunte Schmetterlinge tanzten zwischen Sommerblumen.
„Darf ich mal reinschauen?“, bat ich sie, denn es interessierte mich brennend, wie so ein Glücksmoment aussehen würde.
Sie nickte. „Darfst du, aber nur hineinsehen, nichts anfassen!“, erlaubte sie mir und schraubte den Deckel ab.
Ich blickte hinein und sah Steine, Federn, bunte Zettel, Postkarten und funkelnde Perlen. Ich wollte gerade nach dem ein- oder anderen fragen, da zog Saskia die Dose wieder weg, schraubte den Deckel drauf und stellte sie zurück ins Regal. Nun war ich nicht klüger als zuvor. Ich war enttäuscht.
„Man muss gut aufpassen auf das Glück“, erklärte sie mir. „Man muss es hüten wie einen Schatz, sonst ist es weg! Es ist leicht wie eine Feder und wertvoll wie ein Diamant. Es kann winzig klein sein und riesig groß.“
„Erzähl mir ein bisschen mehr über das Glück und über die Dinge, die da in deiner Dose sind!“, bat ich sie. Doch Saskia schüttelte den Kopf.
„Das geht nicht!“, sagte sie. „Jeder hat ein anderes Glück, weißt du. Du musst schon selbst sammeln. Fang einfach damit an, dann wirst du mich verstehen!“
Ich konnte mir nicht so richtig vorstellen, was Saskia meinte. Vielleicht war ich auch einfach schon zu alt für so etwas. Aber versuchen wollte ich es doch und als ich ein paar Tage später mit Saskia auf dem Trödelmarkt war, suchte ich nach einer Dose, in der ich meine Glücksmomente aufbewahren könnte, wie immer sie auch aussehen würden.
Wir entdeckten viele schöne und interessante Dinge, aber eine Dose, wie sie mir vorschwebte, fanden wir nicht.
„Das kann man nicht erzwingen!“, sagte Saskia. „Es ist wie mit dem Glück, es kommt auf dich zu. Mit der Dose wird das genauso sein, wirst schon sehen!“
Ich wunderte mich, dass ein so junges Mädchen wie Saskia so viel über das Glück wusste. Ja, sie erschien mir beinahe weise und ich schämte mich ein bisschen, dass ich mir niemals Gedanken über Glücksmomente gemacht hatte. Ich war doch ein glücklicher Mensch, oder etwa nicht?
Ich war völlig in Gedanken versunken, als mich einer der Händler, vor dessen Stand wir uns gerade aufhielten, ansprach.
„Kann ich dir helfen?“, fragte er freundlich und als er bemerkte, dass ich ihn nicht verstanden hatte, wiederholte er seine Frage. „Suchst du etwas Bestimmtes? Kann ich dir helfen?“
„Sie schaut nur!“, antwortete Saskia an meiner Stelle und drückte mir ein hölzernes Kästchen in die Hand. „Guck mal!“, sagte sie.
„Das ist eine besonders schöne Arbeit!“, versicherte der Händler geschäftstüchtig. Liebevoll strich er über den Deckel, der mit einer feinen Intarsienarbeit verziert war. Goldfarbene Scharniere gaben dem Deckel Halt.
„Darin wurden Liebesbriefe aufbewahrt, damals, als man noch richtige Briefe schrieb. Lange ist’s her!“
Saskia kicherte, sie wusste genau, was ich dachte in diesem Moment. Sie kannte mich schließlich gut genug und sie wusste, dass ich noch immer persönliche Briefe schrieb, zu jedem Geburtstag, zu jedem Jahresfest und auch einfach mal zwischendurch. Sie, als meine Nichte kam häufig in den Genuss.
„Dann habe ich wohl gefunden, was ich suchte!“, stellte ich fest und drückte die Truhe an mich. „Dieses wird meine Glücksmomentetruhe werden!“, beschloss ich und war ganz sicher, dass ich genau das Richtige für mich gefunden hatte. Ich fragte nach dem Preis. Wir wurden uns schnell einig, der nette Händler und ich und als er mir mit einem Augenzwinkern seine Visitenkarte in die Truhe packte, versprach ich ihm einen Brief, einen handgeschriebenen.

Das ist nun viele Jahre her. Die Truhe hat sich gefüllt mit unzähligen Glücksmomenten. Mal war es eine Feder, die ich bei einem Spaziergang im Park gefunden hatte und die mich an einen wunderbaren Nachmittag mit einem lieben Menschen erinnerte. Dann dieser Ring aus einem Kaugummiautomaten mit der rosa Perle, den mir Paul geschenkt hatte, als er unseren Jahrestag vergessen hatte. Ich erinnere mich noch genau, wie er ihn für eine Münze zusammen mit drei bunten Kaugummikugeln aus dem Automaten zog. Der Bierdeckel, auf den er ein Gedicht für mich gekritzelt hatte gehörte genauso zu meinen Glücksmomenten, wie die Armbändchen meiner Kinder, die sie als Neugeborene im Krankenhaus getragen hatten. Auch Saskia hat viele Momente dazu beigetragen.
Als ich die getrocknete Rose aus Saskias Brautstrauß liebevoll in die Truhe packe, erinnere ich mich zurück an unseren Flohmarktbesuch und ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie mich ein Stück Leben gelehrt hat, denn auf dem Flohmarkt fing es an, ich war auf der Suche nach dem Glück und fand ein doppeltes: die hölzerne Truhe und Paul, der sie mir verkauft hat und bereits nach ein paar Tagen den ersten Brief von mir erhielt.
So ein Glück!
„Man muss gut aufpassen auf das Glück“, schrieb ich ihm damals.
„Man muss es hüten wie einen Schatz, sonst ist es weg! Es ist leicht wie eine Feder und wertvoll wie ein Diamant. Es kann winzig klein sein und riesig groß.“

Ja, so war das und ich kann nur jedem raten, seine Glücksmomente zu sammeln, um sich immer wieder daran erinnern zu können. Es tut so gut!

© Regina Meier zu Verl

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